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Die Türken vor Lilienfeld im Jahre 1683.

Von Ritter von Treuenfest.
(Aus dem vaterländischen Pilger, von Kcrschbaumer).

Auf dem Wege von St. Polten nach Mariazeil liegt das berühmte Clsterzienser-Kloster Lilienfeld. Einer seiner berühmtesten Prälaten war Matthäus Kolweis, welcher 1650 1695, also durch 45 Jahre, demselben vorstand. Abgesehen von seinen sonstigen ruhmvollen Thaten hat er sich durch die tapfere und heldenmüthige Verteidigung des Klosters Lilienfeld gegen die Türken grosse Verdienste um das Vaterland erworben, welche mit goldenen Lettern in der Geschichte prangen, so dass sein Name mit Recht an der Seite der Berühmtesten jener Zeit genannt wird.

Die Verteidigung des Klosters Lilienfeld gegen die Türken wird jetzt fast nur mehr wie eine Sage erzählt, ja selbst in der Geschichte wird nur einfach erwähnt, dass der tapfere Abt Matthäus Kolweis zwei Stürme der Türken abschlug. In dem folgenden Aufsatze soll nun die ganze Begebenheil, soweit sie sich aus den bisher bekannten Quellen in Archiven und Bibliotheken erheben liess, geschildert werden.

Der Schreck vor den Greueln der im sechzehnten Jahrhundert gegen Österreich anrückenden Türken und Tartaren war insbesondere auf dem Lande ein so panischer, dass Niemand an Widerstand, sondern Alles an Flucht dachte. In Folge dessen wurde es den türkischen Streifcommando's ein Leichtes, die grössten Dörfer einzunehmen, zu plündern, die Einwohner niederzumetzeln oder in die Sklaverei fort zu schleppen. Um die christliche Religion auszurotten, wurden die Kirchen beraubt, zerstört und verbrannt, welches Los gewöhnlich auch die Ortschaften traf.

So stiegen gleich nach der Belagerung Wiens die Rauchsäulen um Lilienfeld auf; Bergau, Eschenau, Traisen lagen samml ihren Kirchen in Asche, überall herrschte Schrecken, Rath- und Thatlosigkeit. Das Stift Lilierifeld wäre gewiss demselben Schicksale anheimgefallen, wenn nicht Abt Kolweis für die Sicherheit seines Klosters mit Jünglingsmuth und wie der erfahrenste Krieger gesorgt hätte. Er befestigte die haltbarsten Punkte, liess die Engpässe nach Steiermark verrammeln und vermauern (wie noch heut' zu Tage am Pass zu Freyland zu sehen ist), stellte Vorposten aus und bewaffnete die Unterlhanen. — Aus diesen nahm er 1000 der Tapfersten und Muthigsten heraus und legle sie in's Kloster; die Geistlichen und der Hofrichter Michael Wüschletisch übernahmen die Untercommando's,"vertauschten den Habit mit dem Kriegsrocke und das Scapulir mit dem Schwerte. In dem sonst so stillen Kloster ertönte statt der Davidischen Psalmen Trommelwirbel und Pfeifenspiel und der Lärm des Lagers. Täglich zogen die Wachen unter Paukenund Trompetenschall auf, die Geistlichen sassen in voller Kriegsrüstung zur Tafel, die Glocken verstummten, statt ihrer hallte der Donner der Karthaunen und Hakenbüchsen; denn es galt ja, das Kreuz auf seiner Höhe zu erhalten, und da waren Thten nöthig.

Diese Zurüslungen brachten einen militärischen Geist und Zuversicht unter die Besatzung, welche von hohem Vertrauen zu dem stets unler den Seinigen befindlichen Abt beseelt war. Abt Kolweis war damals 63 Jahre alt. Seine bisherigen Arbeiten waren Werke des Friedens, der Religion und Wissenschaft, und nun war er plötzlich General-Feslungs-Commandant geworden! — Die weitere Erzählung der Begebenheiten wird zeigen, dass er seinen Platz vollkommen ausfüllte und seine Aufgabe glänzend löste.

Kaum waren die erwähnten Zurüstungen fertig, so kamen schon eine Menge Flüchtlinge aus der Umgebung Wiens, welche das Anrücken des Feindes und seine Grausamkeit verkündeten. Der Abt nahm sie in's Kloster auf, aber diese Leute waren nicht, zu halten; von panischem Schrecken erfüllt, eilten sie weiter in's Gebirge, wo sie aber bald den herumstreifenden Türken in die Hände fielen und elend umkamen.

Hierauf liess der Abt das Schloss Arraberg, Dorf und Kirche Kaumberg und Hainfeld besetzen, während in Markte! die Vorposten des Klosters aufgestellt wurden. Der Feind rückte an und wurde von den Besatzungen unter Anführung der Kloster-Geistlichen tapfer zurückgewiesen; da er aber immer stärker andrang, wodurch diese Besatzungen in Gefahr gerielhen, abgeschnitten zu werden, gab der Abt Befehl zum Rückzug in's Kloster, welcher ohne Verlust ausgeführt wurde. Die Türken gingen nun im Gebirge vor, erstiegen die höchsten Berge und Felsen, suchten dort die versleckten Christen auf, mit welchen sie auf das Unmenschlichste verfuhren. Da sich der Feind in der Nähe des Klosters zeigte, liess der Abt hinter demselben beim Wiesenbach einen Graben ausstechen, mit dreifachen spanischen Reitern verstärken, Traversen anlegen und mit Mannschaft besetzen. Der Feind kam mit Macht über die Höhe und stürmte so heftig, auch brachte sein kannibalisches wildes Geschrei und hässliches Aussehen einen so schauerlichen Eindruck auf die Leute hervor, dass der Abt, um seine ganze Macht beisammen zu haben, nach glücklich abgeschlagenem Sturm den Rückzug in's Kloster befahl. Dieses war bereits stark verbarrikadirt und beim Thor mit einer Wagenburg versehen worden. Der Feind wiederholte den Sturm, konnte aber Nichts ausrichten und zog sich hinter die Höhe zurück.

Trotz dieses glücklichen ersten Erfolges verfiel die Besatzung in höchste Muthlosigkeit. Viele weigerten sich ferner die Waffen zu führen, in der Hoffnung von den Türken begnadigt zu werden; ja, der Schrecken machte solche Fortschritte, dass der grösste Theil der Besatzung sein Heil in der Flucht suchen wollte. Da liess der Abt die Trommel rühren und versammelte die Besatzung in der Nacht bei Fackelschein im Klosterhof vor dem Portal der Kirche. In einer Hand das Kreuz, in der andern das Schwert, beschwor er die Leute, in dem angefangenen Werke zur Ehre Gottes treu auszuhalten, (iotl werde seinen Dienern gewiss den Sieg über die Heiden verleihen, es sei eine Schande, sich durch Feigheit für ewige Zeiten zu brandmarken. Des Abtes liebevolle und energische Rede wirkte zündend auf das Volk. Alle ergriffen wieder die Waffen und gelobten, treu auszubauen und tapfer den Kampf auszufechten unter dem Commando des resoluten und unerschrockenen Prälaten.

Als sich am 18. Juli mehrere Türken dem Kloster näherten, wurde ein Ausfall über den Brandberg angeordnet, wobei ein Türke erschossen wurde, die übrigen ergriffen die Flucht. Für den überbrachten Kopf erhielt der Schütze einen Dukaten. Denselben Tag wurden 7 Wagen um Proviant mit starker Bedeckung nach Wilhelmsburg gesendet, welche eist am 20. zurückkehrten, worüber im Kloster grosse Sorge war, da die Türken am 19. Eschenau niedergebrannt hallen.

Am 21. Juli wurde ein Commando, welches Kloster-Geistliche im BauernCostüme anführten, den Mordbrennern von Eschenau nachgesendet, welche, auf einer Höhe bei der Mahlzeit überfallen und in die Flucht gelrieben, so viel Beute verloren, dass die Mannschaft keine Köpfe der gebliebenen Türken mitbrachte, da sie mit Beute überbürdet war. Am 22. Juli bemerkte man starke Bewegung im türkischen Lager bei der Höhe rückwärts des Klosters, aber der Feind unternahm Nichts. — Am 23. Juli sah man den Feind eine gefangene Christentruppe über die Berge treiben, weshalb ein Ausfall unternommen, der Feind zerstreut und die Gefangenen befreit wurden. Inzwischen zeigte sich der Feind plötzlich sehr stark auf der Höhe (Klostereben), weshalb der Maierhof rasch verbarrikadirt und mit Mannschaft besetzt wurde. Später erhielt der Thiergarten drei Blockhäuser mit Besatzung, und der Wald wurde auf Büchsenschussweite um das Kloster umgehauen.

Am 24. wurde ein Commando von 150 Mann nach Schloss Arraberg gesendet, um die dort befindlichen beiden Geistlichen sammt Mannschaft, denen Munition und Proviant ausgegangen war, abzuholen, was auch gelang, indem sie sich bei der Rückkehr durch eine türkische Abiheilung durchsehlugen und noch viel Beule mitbrachten.

Am 25. geschah ein Ausfall auf die türkischen Vorposten bei der Höhe Klostereben unter Anführung der Geistlichen und Kloslerbeamten, wobei 13 Türken lodl blieben, und viele Beute erobert wurde; doch mussten sie schnell zurückkehren, weil sich in der Flanke starke feindliche Abibeilungen zeigten, welche vorrückten. Als sie dies wieder einstellten und verschwanden, ging ein kleines Commando hinaus, um die Waffen der gebliebenen Türken zu holen, wobei ein türkischer Fähnrich, der sich in einem Felsen versteckt hatle, erschossen und sein Kopf und die Fahne als erste Trophäe in's Kloster gebracht wurden.

In Folge einer Verabredung mit den Dörfern Hohenberg, Rabenstein

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und Weissenburg wurde ein Ausfall in's Gebirge gegen herumstreifende Mordbrenner-Banden unternommen; einige derselben wurden verjagt, wobei die Besatzung 3 Mann durch lödtliche Verwundung verlor.

Am 29. Juli kam die Nachricht, dass sich bei Kleinzell mehrere hundert Feinde mit viel Beute und gefangenen Christen festgesetzt hätten. In Folge dessen wurden Geistliche mit 300 auserlesenen Schützen hingeschickt, welche schon von Ferne eine ungeheure Rauchwolke aufsteigen sahen; zugleich hörten sie das Getöse von einem furchtbaren kannibalischen Geschrei. Die türkischen Vorposten, Nichts ahnend, waren mit Bereitung des Essens beschäftigt, als sie sich plötzlich angegriffen sahen und ihr Heil in der Flucht suchten. Die Haupttruppe, beschäftigt vor einer Schlucht ein ungeheures Feuer zu unterhalten, um viele dahin geflüchtete Christen im Rauche zu ersticken oder zum Herauskommen zu zwingen, hatte kaum Zeit, sich zur Wehr zu setzen, wurde vertrieben und mit Wuth verfolgt. Eine grosse Anzahl fiel den zur rechten Zeit angerückten Bauern von Hohenberg und St. Egid in die Hände, worauf im Verein mit diesen eine furchtbare Metzelei begann, wobei 60 Türken auf der Wahlstatt'blieben, 3 Fahnen, 30 Pferde mit kostbaren Sätteln, und 3 vornehme Türken gefangen, noch andere reiche Beute gemacht und ausserdem auch 200 gefangene Christen befreit wurden. Die todten Körper wurden nackt ausgezogen und neben einander auf die Strasse gelegt, so dass ein anderer türkischer Haufe, welcher nach mehreren Tagen vorbeizog, bei diesem Anblicke von panischem Schrecken ergriffen, umkehrte und aus der Gegend flüchtete.

Den 30. Juli hielt die tapfere Schaar einen triumphirenden Einzug in's Kloster Lilienfeld, wobei die zurückgebliebene Besatzung Spalier machte; 18 Türkenköpfe wurden auf Stangen vorgetragen, darunter der Kopf eines bildschönen Jünglings, dessen Züge noch im Tode friedlich lächelten: er war der Sohn eines türkischen Pascha. Von den Gefangenen erhielt man die erste Gewissheit über die Belagerung Wiens.

Dies war einer der schönsten Tage in der Verteidigung Lilienfelds. Am 31. Juli kamen Weissenburger und boten sich freiwillig an, dem Kloster bei Vertreibung der Türken behilflich zu sein.

Am 1. August wurde ein Ausfall gemacht, bei welchem viel Vieh erbeutet wurde. Darüber entstand ein Zank mit den Weissenburgern, in Folge dessen diese heimkehrten, von den Türken aber verfolgt wieder die ganze Beute verloren. Am selben Tage kam die Nachricht, dass Schloss Bergau niedergebrannt worden sei, ferner, dass die Türken Wien auf's Heftigste bombardiren und bestürmen. Grosser Schrecken erfasste die, Garnison, so dass ein Tumult entstand, bei welchem die gefangenen drei Türken enthauptet und vom Volke zerfleischt wurden. Nur mit höchster Anstrengung gelang es dem Abte, die Muthlosen aufzurichten und die Ruhe wieder herzustellen.

Am 3. August theilten die Weissenburger mit, dass die Türken bei Geiseben ein Lager bezogen hätten. In Folge dessen wurden 160 Mann hingeschickt, welche mit den Türken bis in die Nacht kämpften und viele Leute verloren. Kein Weissenburger war erschienen, und dem Commando gelang es, nur durch die Dunkelheit der Nacht begünstigt, einen Wald zu erreichen und sich dann in's Kloster zu retten.

Denselben Tag hatten 650 Türken das Schloss Kreisbach, welches dem Kloster gehörte, fruchtlos gestürmt. Sie hatten sich dabei auf ihre Pferde gestellt, um über die Mauern zu klettern, wurden aber mit blutigen Köpfen abgewiesen und endlich mit vielem Verlust in die Flucht geschlagen.

Am 5. August langte die Nachricht ein, dass der Feind eine halbe Stunde vor Lilienfeld, 7000 Mann stark, ein Lager bezogen habe. In Folge dessen wurden die Vorposten in Marktel eingezogen, worauf unter der Besatzung die grösste Muthlosigkeit ausbrach. Alles stimmte für die Flucht in die Berge, und das Kloster seinem Schicksale zu überlassen, indem man sich gegen eine solche Macht nicht halten könne. Da erklärte der Abt mit seinen Geistlichen, das Kloster aul keinen Fall zu verlassen und lieber den Kampf mit dem Feinde allein aufzunehmen; er erinnerte die Besatzung an ihren freiwillig geleisteten Eid, und dass sie vereinzelt gewiss viel eher in den Bergen unterliegen würden. Nur mit der grössien Mühe gelang es der Beredsamkeil, des Abtes, die Furcht zu bannen und die Leute im Kloster zu behalten:-—es war die höchste Zeit! Mittags kamen ausgesendete Boten mit der Nachricht zurück, dass ihnen eine starke Abtheilung des Feindes auf dem Fusse folge, auch hörte man gleich darauf ihr wildes Geschrei. Einzelne Reiter sprengten heran, und hierauf rückte das Fussvolk in drei Haufen , bei 2000 Mann, längs der Berglehne vor und stürmte gegen das Kloster. Hier waren aber alle Schützen aufgestellt, welche ein mörderisches Feuer unterhielten, worauf der Feind unter Mitnahme der Todlen schnell wieder retirirte. Da hierauf Alles still blieb, sendete der Abt 30(> Mann nach Marktel ab. welche diesen Ort ohne Anstand besetzten. Den andern Tag brachten ausgeschickte Leute die Meldung, dass der grösste Theil der Feinde gegen Wien abmarschirt sei, die Colonne solle 8 Stunden bei ragen haben.

Am 9. August wurden 7 Wagen mit Proviant unter 100 Mann Bedeckung nach Kreisbach gesendet und unterwegs vom Feinde angegriffen, welcher aber zurückgeschlagen wurde, wobei man ein Pferd erbeutete. Tags darauf, am 10. August, kehrte die Bedeckung wieder in's Kloster zurück.

Am 11. August geschah ein Ausfall mit 400 Schützen. Der Feind ergriff gleich die Flucht, und wurde im Lager das Fleisch in den siedenden Töpfen und viele Beute gefunden. Bei der Theilung entstand abermals Zank unter der Mannschaft. Am 14. August wagte sich ein Knecht zu weit aus dem Rayon des Klosters und wurde vom Feinde gefangen.

Am 15. August sprengten plötzlich 15 Türken bis zum Diener-Thor, wo ein daselbst aufgestellter Wachposten erschossen wurde, worüber die andern gleich die Flucht ergriffen. Nachmittags wurde mit 470 Mann ein Ausfall unternommen. Diese jagten in der grössten Hitze den Türken mehrere mit Wein beladene Wagen ab, womit die Leute gleich ihren Durst stillten und sich so arg berauschten, dass beim weiteren Vorrücken Nichts mehr mit ihnen

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