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sein, ist die Vertheidigung eben die erste und ausschliessliche militärische Massnahme; etwas ganz Verschiedenes ist dieses bei Russland. Bei seiner Kraft kann es überall den Krieg vermeiden, wenn es seine auswärtigen Interessen verläugnet. Unsere Existenz kann Niemand, etwa wie die Existenz Belgiens, bedrohen; — Niemand wird unsere Provinzen oder irgend welche innere Zugeständnisse begehren, wenn wir friedlich zu Hause bleiben. Für uns kann daher ein Krieg nur aus Anlass solcher Fragen entstehen, in denen die russische Regierung entschlossen ist, ihren Willen durchzusetzen. Solche Ziele — die einzigen, welche den Kriegsausbruch möglich machen — werden aber mittels Angriff, und nicht durch die Verlheidigung erreicht. Wenn Österreich z. B. Bosnien und Serbien besetzt, und Russland dieses nicht zulassen wollte, so wäre es doch jedenfalls neu, durch die Verlheidigung der Dnjepr-Linie das Nachgeben Österreichs anzustreben. Bei der bekannten Festigkeit des russischen Nationalgeisles im Augenblicke grosser Gefahr, ist aber ein Eindringen nach Russland in einem sehr hohen Grade erschwert, oder erfordert, um an's Ziel zu gelangen, ungeheure Kräfte. Die Zahl unserer Armee war früher stets den politischen Absichten angepassl, denn ohne diese wären wir noch immer durch den Dnjepr und die neurussische Steppe mit ihren tatarischen Nomaden abgegrenzt. Niemals hatte man die Zahl der Armee nach Rücksichten der Vertheidigung bestimmt; in dieser Beziehung war die militärische Lage Russlands klar, und unsere früheren Einrichtungen, die vollkommensten der Welt, hatten die Armee vorzugsweise zum Angriff belähigt. Demnach befassten sich auch die Officiere, welche die strategischen Grenzen zu beschreiben halten, ebensoviel mit den Bedingungen des Angriffs als mit denen der Vertheidigung. Vom Jahre 1861 an hat sich Alles verändert; das einzige Wort, welches wir gegenwärtig zu hören bekommen, ist „Vertheidigung", und in diesem Sinne sind auch die Artikel „Entwicklung des Eisenbahnnetzes" geschrieben worden. Eine Thatsache muss jedoch besonder» befremden: Das für einen grossen Staat unbequeme und fast unmögliche System der ausschliesslichen Vertheidigung hat zur Folge, dass man den äusseren Angelegenheiten geringe Aufmerksamkeit widmet, um desto mehr die Ordnung der inneren Angelegenheiten zu pflegen; es wird sich daher wegen der Ökonomie das Kriegsbudget überall um ein Dritltheil und mehr vermindern. Bei uns können wir gerade das Gegentheil beobachlcn, denn unser Kriegsbudget ist von dem Augenblicke an, als wir ausschliesslich an die Vertheidigung zu denken begonnen haben, um die Hälfte gewachsen.

Vorstehende Bemerkungen beziehen sich schliesslich nicht aul die Sewastopol'sche Eisenhahn, mittels welcher man nirgends offensiv vorgehen kann, sondern auf die Beleuchtung anderer Linien, welche im „Invaliden" enthalten waren. Ich will dieselben bis zu einem gewissen Grade mit Stillschweigen übergehen, halte es aber nicht für überflüssig, auf den allgemeinen Ton der Artikel hinzudeuten.

Kehren wir nun zur Krym'schen Eisenbahn zurück.

Wie gesagt, ist aus den Worten des „Invaliden" ersichtlich, dass der

Verfasser jener Artikel die Krym gegen die verbündete Armee des Jahres 1855 vertheidigt, und dass alle seine Schlüsse aus dem vergangenen orientalischen Kriege entspringen. Ich würde nicht die Absicht haben, mich vom Gegenstände zu entfernen, doch kann ich nicht umhin Folgendes zu bemerken:

Ich kann eben nicht begreifen, warum nur bei uns allein sowohl die eigenen, wie fremden kriegerischen Erfahrungen und Begebenheiten nicht blos für ein künftiges Verfahren, wie dieses sonst überall zu geschehen pflegt, als Erklärung angenommen, sondern zum Ausgangspunkte für zukünftige Handlungen hinaufgeschraubt werden, gegen welchen dann die ganze nachfolgende Zeitperiode gravilirt. So geht es mit dem Krymkrieg, der nun in seiner Reihenfolge als ein neues Modell aufgestellt wurde. Zur Erklärung werden aber nicht nur die wichtigen und allgemeinen, durch Thatsachen beleuchteten Seiten benützt, sondern auch alle zufälligen Brocken, die weder in den Zusammenhang passen, noch einer wahrscheinlichen Zukunft nahe kommen.

So war es nach dem orientalischen, so blieb es nach dem austro-preus«ischen Kriege, als wenn der Königgrätzer-Feldzug kein neues Licht verbreite, welches schliesslich auch in das Bassin des schwarzen Meeres eindringen könnte. Es werden noch immer jene Schlüsse festgehalten, welche aus dem Kriege 1853—1856 abgeleitet wurden, wenn auch dieselben durchaus nicht zur gegenwärtigen Lage der Dinge passen. Aber sie haben tiefe Wurzeln gefasst in manchen Köpfen. Man pflegt zu sagen, dass der Verteidigungskrieg, namentlich in seinem Verfolg, aus Princip geführt werden solle; und doch ist der Vertheidigungskrieg vom Jahre 1854—1855 die einzige Ausnahme in unserer Geschichte seil Peter dem Grossen, und ein Vertheidigungskrieg kann für uns nur durch politische Ungeschicklichkeiten und durch nichts Anderes, ja nicht einmal durch Zufall entstehen. Trotz Allem gründet man unverändert die Massnahmen für die Verteidigung der Krym und anderer südlichen Theile Russlands vorzugsweise auf das Beispiel des letzten orientalischen Krieges, und somit bin ich gezwungen, eine gedrängte Übersicht dieses letzteren zu geben und ihn in seine einzelnen Elemente zu zerlegen.

Handelt es sich um die Verteidigung, so drängt sich vor Allem die Frage auf: — gegen wen? Die Zukunft ist zwar unbekannt, aber doch blos die entfernte Zukunft. Jedes Reich weiss annähernd, mit wem, und aus welchen Ursachen dasselbe einen Krieg haben könnte. Unter solchen Umständen darf man aber nicht durch das letzlerlebte Beispiel sich leiten lassen, sondern es ist nöthig, die Thatsachen früher gründlich zu erörtern und zu beleuchten. Der letzte Einfall in die westlichen Länder Russlands war zum Beispiel der Einbruch Napoleons, welcher hinter sich das ihm unterIhänige Europa schleppte. Es wäre nun jedenfalls befremdend, auf die Frage: gegen welche Streitkräfte muss man die Vertheidigung der Westgrenze berechnen? zu antworten: gegen Napoleon und seine zwölf Völker; — noch befremdender ist es aber, die Massnahmen für die Vertheidigung des anliegenden Landes am schwarzen Meere auf die Coalition vom Jahre 1853—1856 zu gründen, weil die Wiederholung einer solchen Action noch unwahrscheinlicher als ein neuer Einfall Napoleons, ja geradezu unmöglich ist.

Auf welche Weise kam es zum Kriege in der Krym, die auf einmal aus einem vergessenen Winkel, wie sie es ist und immer sein wird, in ein Theater glorreichen Kampfes verwandelt wurde? Sieht man von den verbreiteten, verworrenen Anschauungen aus jener Zeit ab, so ist die Grundursache des Krymkrieges so einfach, dass man sie mit wenigen Worten charakterisiren kann. Der Krieg brach unerwartet aus, weil er eben wegen unbedeutender Korderungen begonnen wurde, — Forderungen, welche kein Aufsehen erzeugt hätten, wenn man dieselben einige Jahre früher zum Austrag brachte, zu einer Zeit, als noch in Frankreich der friedliebende Louis Philippe regierte. Österreich zählte damals zu unseren Freunden, nun aber hatte es gewandt die neue Lage der Dinge in Europa ausgenützt, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen, ohne, sich dabei die Hand anzubrennen. Dies Alles ist ja wohl bekannt. Doch die Hauptschuld an dem Kriegsausbruche und dessen Verlauf lag eben darin, dass man bei uns an den Krieg nicht dachte, dass man an ihn nicht glaubte.

Wir haben uns in den Kampf völlig unerwartet, unvorbereitet, mit für den Zweck unverhältnissmässigen Mitteln eingelassen und konnten daher den Operationen nicht jene Richtung geben, die wir ihnen gewiss gegeben hätten, falls wir für den Kriegsfall genügend vorgesorgt hätten. ¥ rankreich und Österreich waren über ihre Absichten klar und hatten sich auch dem entsprechend vorbereitet. Bald zeigte sich daher, dass wir in Bezug auf die feindlichen Kriegsmittel um Ein Jahr zurückstanden, so dass unsere Kraftentfaltung im Jahre 1854 blos den Bedürfnissen des Jahres 1853. und jene im Jahre 1855 denen vom Jahre 1854 entsprach. Wir haben uns zu einer Landung in Konstantinopel und zur Aufstellung von Streitmassen gegen Österreich, so lange dieses noch möglich war, nicht entschlossen, und zwar namentlich deshalb nicht, weil wir seriöse Ziele nicht vor Augen halten. Auf diese Weise waren wir in die Nothlage versetzt, unsere Kriegsrüstungen erst zu beginnen, als unsere Feinde hiemit bereits fertig waren. In Folge dieser Verspätung wurden wir gezwungen, knechtisch dem Willen unserer Feinde zu folgen und uns mit der passiven Vertheidigung zu begnügen.

Die Franzosen giengen nicht etwa nach der Türkei, um den Krieg in das unbequeme und theure Theater des schwarzen Meeres zu tragen, wo sie schliesslich auch keine wesentlichen Erfolge erzielen konnten, sondern deshalb, weil sie durchaus einen Krieg haben wollten, um die heilige Alliance zu sprengen, und keine andere Wahl übrig hatten, nachdem Österreich, sich mit der bewaffneten Neutralität begnügend, ihnen sein Territorium verschlossen hatte.

Die Besetzung der Fürstentümer, mit der Absicht einer Demonstration, fesselte unsere Süd-Armee neun Monate an der Donau und verurlheilte sie zur Unthätigkeil blos deshalb, weil wir einen ernsten Zusammensloss vermeiden wollten. Als aber die Unmöglichkeit, politisch nachzugeben, ohne nach irgend welcher Seite Abbruch gethan zu haben, evident wurde, bewegte man die Süd-Armee auf das rechte Donauufer, — was abermals kein Krieg, sondern eine erneuerte Demonstration war weil unter den damaligen Umständen an eine Operation nach Adrianopel im Ernste nicht zu denken war. I'.iss diese Demonstration sich für uns in eine Falle umwandelte, ist bekannt. In der Stellung am rechten Donauufer, ohne eine fertige Armee an der Weichsel, konnien wir Österreich Nichts anhaben und waren gezwungen, in unsere Grenzen zurückzukehren. So stand nun Österreich gleichsam als Scheidewand zwischen uns und den in der Türkei versammelten Verbündeten, und von dieser Seite war somit ein Zusammenstoss unmöglich. Seit der Zeit, als Kriege in der Welt geführt werden, konnte man eine ähnliche Erscheinung zum erstenmale beobachten: dass nämlich ein starkes Heer einem noch stärkeren Feinde gegenüber plötzlich und ohne Frieden, von jeder Sorge um die feindliche Armee befreit, die vollkommene Freiheit hat, den Angriff dorthin zu richten, wo es ihm eben einfällt. Es handelt sich hier eben nicht um eine gewöhnliche Landung, denn die Verbündeten hatten ja die vollkommene Freiheit, auf dem Meere spazieren zu fahren; sie hätten sich somit gewiss nicht in die Türkei geworfen, wenn uns der Zutritt in diese offen gestanden wäre; so aber resultirte die Sache aus der Reihenfolge der politischen Fehler, welche wir begangen haben.

In jener Zeit stand nun, als eine fortwährende Gefahr für die Türkei, Sewastopol mit der Flotte des schwarzen Meeres da. Ganz natürlich richteten somit die Verbündeten den ersten Angriff auf Sewastopol. Sie zerschlugen das schwache Heer, welches sich ihnen entgegenstellte, versäumten jedoch, die nicht befestigte Stadt im ersten Anlauf zu nehmen; immerhin hatten sie aber das erreicht, sich, während indessen gegen dieselben genügende Streitkräfte zusammengezogen wurden, in einer guten Küstenposilion zu verschanzen. Diese Streitkräfte sammelten sich aber äusserst langsam, in Folge zweier Umstände, auf welche es nolhwendig ist, aufmerksam zu machen:

1. In die Krym konnten für einen Feldkrieg befähigte Streitkräfte nur von der Donau-Armee anlangen, welche in Bessarabien stand. Gesetzt, es existirte in jener Zeit eine Eisenbahn aus dem Innern des Reiches nach der Krym, so konnte dieselbe dennoch keine Feldarmee dorthin schaffen, weil eben bei einem schon entbrannten Feldkriege im Inneren des Reiches keine Feldtruppen vorhanden sein können; dort werden nur für Garnisonen brauchbare Reserven zu finden sein. Zwischen dem Dnjeslr und der Krym aber existirte und besteht überhaupt auch jetzt nicht irgend welche Schienenverbindung, ist überhaupt auf eine solche gar nicht vorgedacht, weil eben der ganze Landstrich am schwarzen Meere nur Ein Kriegslheater vorstellt. Gegenwärtig würde selbst die Existenz des Lozowo-Sewastoporschen Schienenstranges die Verhältnisse, in einem so kurzen Moment, nicht im Mindesten ändern.

2. Zu Anfang des orientalischen Krieges wich man von dem vernünftigen Grundsatz, welcher bis zu jener Zeit im Heere Geltung hatte, nämlich das höchste Commando auf dem ganzen möglichen Kriegstheafer gegen einen und denselben Feind in Einer Hand zu vereinigen, ab, und doch war dies in dem gegebenen Falle aul dem ganzen Bassin des schwarzen Meeres — den Kaukasus ausgenommen — durchaus nothwendig. So aber war derCommandirende in der Krym durchaus unabhängig vom Oberbefehlshaber am Pruth und in Neu-Russland. Ich will mich nicht über diese Thatsache ausbreiten, muss aber sagen, dass bei uns zu diesem Ende ein Grundsatz existirte: erstlich in den Gewohnheiten und der Überlieferung, dann auch in den Vorschriften für die Commandirenden (sind dermalen ganz verändert) besonderer Armeetheile, welche sich einem Höchstcommandirenden unterstellen mussten. sobald sie in seinem Operations-Rayon eintrafen. So standen auf eben diesem Boden die gegen die Türkei operirenden Armeen Anfangs unter dem Commando Potemkin's, dann im Jahre 1812 unter Kutusow, so im Jahre 1831 unter Paskiewicz die operirende und Reserve-Armee in Lithauen u. s. w.

Der Commandirende eines besonderen Armee-Theiles, welcher eine besondere Aufgabe zu lösen halte, blieb selbständiger Anführer, aber eben nur so lange, als es der Höchstcommandirende zuliess. Auf diese Weise bewahrte man die Einheit im Commando während der ganzen Kriegsdauer, und jede Heeresmasse, wenn sie selbst als eigene Armee ausgeschieden wurde, war der Unterstützung der anderen sicher. Diese Einrichtung bildete einen Grundpfeiler unseres Kriegs-Syslems und verschaffte uns grosse Vorzüge. Wäie das ganze Bassin des schwarzen Meeres in der Hand Eines Feldherrn vereinigt gewesen, so würde dieser Feldherr in demselben Grade für die Krym als für Bessarabien verantwortlich sein und sich eben dorthin geworfen haben, wo die Gefahr drohte. Die Verbündeten, welche bereits in der Krym aufgetreten waren, konnten doch nicht gleichzeitig auch Bessarabien bedrohen; zum Aufhalten der hinter der Donau stehenden Türken waren keine grösseren Streitkräfte nöthig, und mit den Österreichern hatte man keinen Krieg, und dieser konnte auch nicht augenblicklich ausbrechen. Auf die erste Nachricht von derLandungder Verbündeten in der Krym hätte daher derObercommandanl sofort genügende Streitkräfte dorthin beordert und wäre in der Lage gewesen. die Verbündeten gleich in der ersten Periode schlagen zu können. Der selbständige Befehlshaber eines Armee-Theiles, nur für seinen Abschnitt verantwortlich, halte aber keine persönliche Veranlassung, sich zu übereilen, und erwartete daher höhere Weisungen. Als schliesslich die Verstärkungen in der Krym angekommen waren, halte der Feind auch bereits die seinigen herangezogen und stand fest in seiner Position.

Über den weiteren Verlauf des Krymkrieges bleibt nicht mehr viel Neues zu sagen übrig. Wir konnten selbst in unserer Zwangslage den Feind noch schlagen, wenn wir die günstigen Verhältnisse unserer Cenlralposilion ausgenützt hätten, wenn wir überhaupt kühn vorwärts in russischer Weise auf den Feind losgegangen wären, um denselben zu durchbrechen, anstatt mit schlau angelegten Umgehungs-Bewegungen ohne Unterlass unsere Kräfte zu zersplittern. Man erzählt, dass die Soldaten oft weinten, als sie nach einem

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