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I. Theil.

Im „russischen Invaliden" Nr. 65,66 und 67 vom Jahre 1868 sind Artikel ..über die Entwicklung des Eisenbahnnetzes" publicirl worden. In diesen Artikeln vertheidigt der Autor jene strategischen Linien, welche bereits concessionirt wurden, und würdigt mit folgender Schilderung die Linie, welche dieser Schrift zu Grunde liegt:

„Die Verbindung mit der Krym, welche anzubahnen ist, sollte gegen die grössere Menge der Zufälligkeiten gesichert sein. Wird sie von Kremenczug über Berislawl und Perekop geführt,— so würden wir nicht einen einzigen Theil der Linie gegen Handstreiche gesichert haben. Unter einigen — sagen wir — Ausnahms-Bedingungen könnten wir, wenn auch nur zeitlich, gezwungen sein, von Odessa und Nicotajew gegen den Dnjepr auszuweichen, und hierdurch könnte jener Theil des Schienenweges, welcher am rechten Uler des Stromes gelegen wäre, plötzlich in die Gewalt des Gegners fallen. — Ganz andere Bedingungen finden wir bei der Führung der Czongar'schen Linie. Um den Übergang bei Czongar anzugreifen, ist es früher nöthig, in das Asow'sche Meer einzudringen und darnach noch in den Siwasz. Dieses ist allerdings nicht absolut unmöglich. Aber man muss bedenken, dass der Feiudin Kercz ein zweites Sewastopol antrifft u. s. w. Es ist somit klar, dass die durch den „russischen Invaliden" für eine Vertheidigung der Krym vorgezeichneten Massnahmen eine verbündete Armee des Jahres 1855 vor Augen haben.

Bevor wir auf die Grundlage dieser Ansicht und die aus derselben gefolgerten Schlüsse eingehen, ist es vor Allem nöthig, Folgendes zu bemerken:

Strategische Linien, Kriegsstrassen überhaupt, haben in Russland andere Bedingungen als in dem übrigen Europa. In Folge der Grösse des Reiches sind alle unsere Wege länger, und ihre Erbauung erfordert einen grösseren Aufwand an Capital. Anderseits kann keine selbständige Linie ausschliesslich den kriegerischen Zielen dienen. Die einzige Ausnahme ist das Königreich Polen; dort kann genau so wie im westlichen Europa eine nicht zu lange Eisenbahn, welche die Festungen mit einander verbindet und den Lauf eines oder zweier Flüsse beherrscht, als eine rein militärische Verbindung gedacht werden. Auf russischem Boden aber müsste man jede strategische Linie auf Hunderte von Wersten ausdehnen und Millionen in dieselbe stecken. Ist eine solche Unternehmung nicht geeignet, auch andere Interessen zu (ordern, so müsste man, um das Vorgenannte aaszuführen, das laufende Budget des Kriegs-Deparlements um Hunderle von Millionen vermehren. Dieses Budget ist ohnehin in den letzten Jahren von 97 auf 140 Millionen Rubel gestiegen, und wenn man es noch jährlich um die Zinsengaranlie für unrentable, rein strategische Eisenbahnen vermehren wollte, so würde dasselbe schliesslich das ganze Reichsbudget verschlingen, und alles Übrige müsste wohl dann nach den Grundsätzen der „weiten Ökonomie“ erhalten werden. Das Kriegsdepartement klagt in seinen Rechenschaftsberichten ohnehin über die Unzulänglichkeit der Mittel für die Bedürfnisse der Armee, und demnach würden die vielen Millionen, wenn man solche überhaupt beschaffen könnte, eine weit bessere und raschere Verwendung, ebenfalls in militärischer Hinsicht, für Armee-Bedürfnisse finden, als eben für den Unterhalt zweifehafter strategischer Linien. Nach dem Vorgesagten kann man bei uns Fo gendes als Grundsatz aufstellen: Ist eine militärische Eisenbahn wirklich nothwendig, so kann dieselbe niemals als selbständige Linie von grosser Ausdehnung gedacht werd Man kann irgend einen Verbindungszweig bauen, welcher zweien Handels linien eine strategische Bedeutung gibt, die sie früher nicht gehabt haben man kann neu anzulegenden Bahnen irgend eine Abweichung geben, wen diese Abweichung nicht ihrem Hauptzwecke schädlich ist; aber eben n dieses. So hatte man auch bis zu dieser Zeit gehandelt, und die einzige „War schau-Petersburger Eisenbahn“, welche in Folge ihrer besonderen Wichtig keit mehr mit Rücksicht auf militärisch-politische als auf commercie Zwecke erbaut wurde, hatte sich auch lange Zeit nicht rentirt. Man verhal sich demnach sehr strenge zu den Projecten strategischer Bahnen und be theile dieselben immer in doppelter Beziehung: 1. Ob die Nothwendigkeit der Schienenverbindung durch die alls meinen Bedürfnisse begründet ist? 2. Ob die Bahn eine Subvention nöthig habe? – Denn sie soll vor All eine Handels- und darnach erst eine Kriegsstrasse sein. Die einzige Ausnahme, wie wir schon früher bemerkten, wäre e ein kurzer Verbindungszweig mit einem rein militärischen Ziel. Doch au in dieser Hinsicht kann man trotz aller Mühe die Blösse nicht verhüll Wenn man nun irgend einem Punkte eine besondere militärische Bedeutu vindicirt, so wird es in diesem Falle auch besser sein, denselben mit de nächsten Eisenbahntrace zu verbinden, als etwa zu demselben einen länge wenn auch bequemeren, neuen Weg zu bauen. Es verbleiben dann auc Mittel für die vielen anderen, ebenfalls wichtigen Punkte. Überhaupt ist besser, hinlänglich stark überall zu sein, als eben ganz stark auf Einem, u ganz schwach auf allen anderen Punkten. Das Bedürfniss nach Bahnen wi sich mit der Zeit überall – dort wo sie nöthig sind – zeigen; allein d Feind dürfte wohl ihre Beendigung nicht abwarten, und demnach muss mal nothwendigerweise sich bestreben, für die ungewisse Zukunft so viel möglich zu leisten. Das Vorhergehende findet buchstäbliche Anwendung in Hinsicht d vor Kurzem festgestellen Eisenbahn nach der Krym, aber gerade im entgeg gesetzten Sinn. Die Linie wird von Charkow nach Sewastopol eine Gesam länge von 819 Werst haben und, wie der „Invalide“ behauptet, in Czonga sich in zwei Zweige theilen: den Sewastopol'schen und den Kercz'sch

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Flügel. Nach meiner Ansicht mangeln bei der Wahl dieser Richtung die für trategische Linien erforderlichen Bedingungen, solche nämlich, um die Proecte leicht zur Ausführung bringen zu können. Die Krym ist weit entfernt von dem Centrum des Staates und durch inen breiten Steppenstreifen von demselben getrennt; die Vertheidigung der Halbinsel fordert, dass dieselbe mit dem Centrum des Staates verbunden sei; uch für den Handel ist ein Schienenweg nach der Krym nöthig. Aber die rosse Entfernung! – Unter solchen Umständen ist daher das Beste, wenn man ie Halbinsel, in Anbetracht der Billigkeit und der Handelsinteressen, womögeh mit dem nächsten Punkte einer schon bestehenden Bahn verbindet, um eben ine indirecte Vermehrung des Kriegsbudgets zu vermeiden. In der fertigen race der Eisenbahnen finden sich – Sewastopol als Endpunkt der Linie ngenommen – weit nähere Punkte, als eben die Station Lozowaja der hakow-Azow'schen Eisenbahn. Eine Eisenbahn nach der Krym, welche ichtung sie auch haben möge, wird eben den Hauptzweck, nämlich die Herellung der Verbindung, befriedigen. Schliesslich ist es in militärischer Hineht auch nöthig, eine bequeme, dem Zwecke speciell angepasste Strasse, oder och besser im baltischen Meere eine der englischen gewachsene Flotte zu esitzen! – Die Vertheidigung des Reiches ist jedenfalls ein Gegenstand von oher Bedeutung; sind die Opfer unvermeidlich, so müssen sie gebracht erden. Doch hier handelt es sich um die Unentbehrlichkeit der Opfer! Ich enne nicht die officiellen Aufzeichnungen über dieses Thema, doch geatten die Ausführungen und Beweise des „Invaliden“ einen näheren Einlick in die Natur der Materie und die Art der Auffassung. Es wird daher hrreich sein, diese Beweise zu zergliedern. Vor Allem muss bemerkt werden, dass die ganze Auswahl der strateschen Bahnen, welche im „Invaliden“ aufgenommen wurden, so wie Alles, was die Schriften und Instructionen des Militär-Departements bis jetzt beprochen haben und besprechen, und ebenso alle Handlungen der letzten ahre nur ausschliesslich eine Richtung gegen Ein Ziel hatten, nämlich: die Vertheidigung“. In den letzten acht Jahren hörten wir kein einziges Wort von den Angriffs-Zielen. Es mögen die Laien nicht denken, dass meine Worte etwa den Wunsch usdrücken: zu den Nachbarn einzubrechen und dort zu zerstören. In milirischer Hinsicht haben die Beziehungen zwischen den defensiven und offeniven Massregeln eine ganz andere Bedeutung. Ohne die Möglichkeit einer offensive ist die Vertheidigung unwirksam; der Theil, welcher die Massahmen zu einer passiven Vertheidigung trifft, wird unabänderlich geschlagen werden. Das einzig wahre Vertheidigungsmittel ist: den Gegner nicht über nsere Grenze zu lassen. Nebstbei wechseln die Bedingungen des Angriffs und er Vertheidigung nach der Grösse und Lage der Staaten und können nicht ben ad libitum gewählt werden. Für einen kleinen Staat, der namentlich n unserer Zeit überall Veranlassung findet, für seine Existenz besogrt zu selbe schliesslich das ganze Reichsbudget verschlingen, und alles Übrige müsste wohl dann nach den Grundsätzen der „weilen Ökonomie" erhalten werden. Das Kriegsdepartement klagt in seinen Rechenschaftsberichten ohnehin über die Unzulänglichkeit der Mittel für die Bedürfnisse der Armee, und demnach würden die vielen Millionen, wenn man solche überhaupt beschaffen könnte, eine weil bessere und raschere Verwendung, ebenfalls in militärischer Hinsicht, für Armee-Bedürfnisse finden, als eben für den Unterhalt zweifei hafler strategischer Linien. Nach dem Vorgesagten kann man bei uns Folgendes als Grundsatz aufstellen:

Ist eine militärische Eisenbahn wirklich nothwendig, so kann dieselbe niemals als selbständige Linie von grosser Ausdehnung gedacht werden. Man kann irgend einen Verbindungszweig bauen, welcher zweien Handelslinien eine strategische Bedeutung gibt, die sie früher nicht gehabt haben; man kann neu anzulegenden Bahnen irgend eine Abweichung geben, wenn diese Abweichung nicht ihrem Hauptzwecke schädlich ist; aber eben nur dieses. So hatte man auch bis zu dieser Zeit gehandelt, und die einzige „Warschau-Petersburger Eisenbahn", welche in Folge ihrer besonderen Wichtigkeit mehr mit Rücksicht auf militärisch-politische als auf commercielle Zwecke erbaut wurde, hatte sich auch lange Zeit nicht rentirt. Man verhalte sich demnach sehr strenge zu den Projecten strategischer Bahnen und beurtheile dieselben immer in doppelter Beziehung:

1. Ob die Nothwendigkeit der Schienenverbindung durch die allgemeinen Bedürfnisse begründet ist?

2. Ob die Bahn eine Subvention nöthig habe? — Denn sie soll vor Allem eine Handels- und darnach erst eine Kriegsstrasse sein.

Die einzige Ausnahme, wie wir schon früher bemerkten, wäre eben ein kurzer Verbindungszweig mit einem rein militärischen Ziel. Doch auch in dieser Hinsicht kann man trotz aller Mühe die Blosse nicht verhüllen Wenn man nun irgend einem Punkte eine besondere militärische Bedeutung vindicirt, so wird es in diesem Falle auch besser sein, denselben mit der nächsten Eisenbahntrace zu verbinden, als etwa zu demselben einen längeren, wenn auch bequemeren, neuen Weg zu bauen. Es verbleiben dann auch Mittel für die vielen anderen, ebenfalls wichtigen Punkte. Überhaupt ist e* besser, hinlänglich stark überall zu sein, als eben ganz stark auf Einem, und ganz schwach auf allen anderen Punkten. Das Bedürfni3s nach Bahnen wird sich mit der Zeit überall — dort wo sie nöthig sind — zeigen; allein der Feind dürfte wohl ihre Beendigung nicht abwarten, und demnach muss man nothwendigerweise sich bestreben, für die ungewisse Zukunft so viel als möglich zu leisten.

Das Vorhergehende findet buchstäbliche Anwendung in Hinsicht der vor Kurzem festgeslellen Eisenbahn nach der Krym, aber gerade im entgegengesetzten Sinn. Die Linie wird von Charkow nach Sewastopol eine Gesammtlänge von 819 Werst haben und, wie der „Invalide" behauptet, in Czongary sich in zwei Zweige theilen: den Sewastopol'schen und den Kercz'schen Flügel. Nach meiner Ansicht mangeln bei der Wnhl dieser Richtung die für strategische Linien erforderlichen Bedingungen, solche nämlich, um die Projecte leicht zur Ausführung bringen zu können.

Die Krym ist weil entfernt von dem Centrum des Staates und durch einen breiten Steppenstreifen von demselben getrennt; die Verteidigung der Halbinsel fordert, dass dieselbe mit dem Centrum des Staates verbunden sei; auch für den Handel ist ein Schienenweg nach der Krym nöthig. Aber die grosse Entfernung! —Unter solchen Umständen ist daher das Beste, wenn man die Halbinsel, in Anbetracht der Billigkeit und der Handelsinteressen, womöglichmildem nächsten Punkte einer schon bestehenden Bahn verbindet, um eben eine indirecte Vermehrung des Kriegsbudgets zu vermeiden. In der fertigen Trace der Eisenbahnen finden sich — Sewastopol als Endpunkt der Linie angenommen — weit nähere Punkte, als eben die Station Lozowaja der Chaikow-Azow'schen Eisenbahn. Eine Eisenbahn nach der Krym, welche Richtung sie auch haben möge, wird eben den Hauptzweck, nämlich die Herstellung der Verbindung, befriedigen. Schliesslich ist es in militärischer Hinsicht auch nöthig, eine bequeme, dem Zwecke speciell angepassle Strasse, oder noch besser im baltischen Meere eine der englischen gewachsene Flotte zu besitzen! — Die Vertheidigung des Reiches ist jedenfalls ein Gegenstand von hoher Bedeutung; sind die Opfer unvermeidlich, so müssen sie gebracht werden.

Doch hier handelt es sich um die Unentbehrlichkeit der Opfer! Ich kenne nicht die officiellen Aufzeichnungen über dieses Thema, doch gestalten die Auslührungen und Beweise des „Invaliden" einen näheren Einblick in die Natur der Materie und die Art der Auffassung. Es wird daher lehrreich sein, diese Beweise zu zergliedern.

Vor Allem muss bemerkt werden, dass die ganze Auswahl der strategischen Bahnen, welche im „Invaliden" aufgenommen wurden, so wie Alles, was die Schriften und Instructionen des Militär-Departements bis jetzt besprochen haben und besprechen, und ebenso alle Handlungen der letzten Jahre nur ausschliesslich eine Richtung gegen Ein Ziel hatten, nämlich: -die Vertheidigung". In den letzten acht Jahren hörten wir kein einziges Wort von den Angriffs-Zielen.

Es mögen die Laien nicht denken, dass meine Worte etwa den Wunsch ausdrücken: zu den Nachbarn einzubrechen und dort zu zerstören. In miliärischer Hinsicht haben die Beziehungen zwischen den defensiven und offensiven Massregeln eine ganz andere Bedeutung. Ohne die Möglichkeil einer Offensive ist die Vertheidigung unwirksam; der Theil, welcher die Massnahmen zu einer passiven Vertheidigung trifft, wird unabänderlich geschlagen werden. Das einzig wahre Verlheidigungsmitlel ist: den Gegner nicht über unsere Grenze zu lassen. Nebstbei wechseln die Bedingungen des Angriffs und der Vertheidigung nach der Grösse und Lage der Staaten und können nicht eben ad libitum gewählt werden. Für einen kleinen Staat, der namentlich in unserer Zeil überall Veranlassung findet, tür seine Existenz besogrt zu

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