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Die Kriegswissenschaft der Zukunft.

Je grösser ein Künstler ist, desto sicherer wird er auch mit gering(üs^en oder unvollkommenen Mitteln Bedeutendes leisten; — in dem Masse aber als das Künstlerthum abnimmt, muss das Mittel an Vorzüglichkeit wachsen, wenn es die Leistung fördern soll.

Die gegenwärtige Zeil arbeitet, wie keine vor ihr, an der Vervollkommnung der Mittel für alle Zweige der menschlichen Thätigkeit, und darum bringt uns auch die Technik fast jeden Tag neue staunenswerthe Producte. Darum auch ist in neuerer Zeit erst die Technologie als Wissenschaft erstanden, die nicht nur dem unermüdlich strebsamen Geiste nach, dem sie ihren l'rsprung verdankt, sondern auch ihres colossalen Umfanges wegen die meisten Kräfte dieses Erdballs beherrscht.

Die Technologie als Wissenschaft arbeitet auf sicherem Wege an der Veredlung der Mittel, und durch die veredelten Mittel an der Veredlung der zusammengesetztesten technischen Producte. Sie erreicht die grössten Resultate, weil sie nach den Eigenschaften der Mittel forscht, um sie dann diesen jemäss zweckentsprechend benützen zu lehren. Dabei werden Eigenschaften erkannt, die ihrer Schädlichkeit oder ihrer störenden Einflüsse wegen beseitigt werden müssen, damit die productive Eigenschaft des anzuwendenden Mittels stets zu ihrer vollen Geltung gelangen könne.

In diesem rastlosen Streben und Ringen liegt die Berechtigung der Technologie als Wissenschaft, und Niemanden, der es ernstlich mit dem Resultat meint, wird es beifallen, die Technologie darum für unwissenschaftlich zu erklären, -weil ihr überraschende Eintheilungen fehlen, und ihr dadurch der philosophische Anstrich abgeht.

Die Philosophie, soweit wenigstens die bisherigen Jahrhunderte sie ?eschaffen, gehört ins Reich der abstracten Schwärmerei; die Wissenschaft jedoch gehört zum realen, frischen Leben, um im innigen Bunde mit diesem rastlos fort und fort kräftige Keime zu treiben zu gedeihlichen und segenspendenden Entwicklungen.

Das ist es, was jede Wissenschaft anstreben soll, nicht aber den philosophischen Schein, der unter einer glänzenden Oberfläche Nichts als schaale Gemeinplätze und unverständliche, aber einander widersprechende Doctrinen birgt, wie dies z. B. bei der Strategie der Fall ist. Weniger als jeder andere Schriftsteller darf sich der militärisch-didaktische vom Leben entfernen, will er nicht in die heillosesten Schwärmereien verfallen und die unverdaulichsten philosophischen Sentenzen gebären.

Nach dem aber, was uns die neuere Militär-Literatur in diesem Genre bietet, scheint es, als ob gerade der philosophische Standpunkt dei Kriegswissenschaft mit aller Geisteskraft angestrebt worden wäre, weil die Militärschriftsteller ihn für den einzig berechtigten hielten, so wenig gerade ihre Vorbildung sie zu einem solchen Standpunkte befähigt.

Auch bei der Entwicklung der Kriegswissenschaft wäre vor Allem di« Frage nach den Eigenschaften des Mittels der Kriegführung aufzuwerfen, Und in der That finden wir, dass in der langen Reihe der Militärschriltstellei einer der letzten, und zwar Willisen, diese Frage wirklich aufwarf.

Der §.11 des ersten Theiles seiner Theorie des grossen Krieges heissl: „Natur der Armee, d. h. ihrer Eigenschaften. Diese Untersuchung ist dei „Weg, zu einer Constructiori der Kriegskunst, zu deren Theorie zu kommen. „Die Untersuchung sucht diese Eigenschalten der Reihe nach aufzuzählen, „fragt dann, welche Regeln der Behandlung und des Handelns sich von jeder „einzelnen Eigenschaft her ergeben, und sieht zuletzt zu, ob sich etwas Widersprechendes in den einzelnen Ergebnissen vorfinde, in welchem Falle dann „eine Art künstlerischer Ausgleichung das Ganze der theoretischen Lehre „beschliessen müsste."

In den §§. 12, 13 und 14 stellt er die Bedürftigkeit als erste und grösste, die Schlagfähigkei t als zweite grosse Eigenschaft der Armeen auf und entwickelt aus der erstem die Strategie, aus der letzteren die Taktik.

Weiter geht seine Untersuchung nicht, vielmehr bricht er dieselbe willkürlich ab, indem er im §. 15 schreibt: „Zulänglichkeit dieser Ein„theilung. Die beiden genannten Eigenschaften umfassen das ganze Wesen „der Armeen, sie constituiren ihr ganzes Sein in jedem Momente ihre» „Daseins. Alle andern, welche man sonst etwa noch an ihnen entdecken „könnte, werden sich immer nur als Ausläufer aus diesen beiden grossen „Eigenschaften, als Nebenbeslimmungen jener grossen Zweige zeigen."

Der Grundgedanke Willisen's: dass die Untersuchung der Eigenschaften einer Armee zu der Theorie der Kriegskunst führe, ist schön und richtig; willkürlich aber und vollkommen unwissenschaftlich ist es, zwei Eigenschaften bei den Haaren herbeizuziehen, auf sie die neuester Zeit übliche Eintheilung von Strategie und Taktik zu basiren und apodiktisch zu erklären, diese Eintheilung sei zulänglich, da alle andern Eigenschaften, die sich etwa noch entdecken Messen, blosse Ausläufer und Nebenbestimmungen der bezeichneten seien. Warum hat sich denn Willisen, wenn ihm wirklich daran gelegen war, wissenschaftlich vorzugehen und nicht einer blossen herkömmlichen Tendenz nachzujagen, nicht angestrengt, die Ranze Reihe der Eigenschaften der Armeen zu finden und nicht, wie er es selbst als nothwendig erklärt, über die Regeln der Behandlung und des Handelns nachgedacht, die sich von jeder einzelnen der gefundenen Eigenschaften her ergeben?

Weil er eben Nichts anderes wollte, als die neuesten, wie man meint grossartigen Ergebnisse der militärisch - wissenschaftlichen Forschungen, lämiich die Strategie und Taktik, alsAusfluss der Eigenschaften — mit Angriff ind Verteidigung als Functionen einer Armee blendend geistreich in eine seue Relation zu bringen.

Dass Willisen hinter seiner Absicht zurückblieb, hat schon Rüstow in der kritischen Einleitung zu den „Militärischen und vermischten Schriften von Heinrich Dietrich von Bülow" scharf und schlagend dargethan, indem er sagt: „Eine Lücke im System Willisens ist, dass er nur zwei Grundeigen.schaflen der Armeen aufstellt, und zwar Bedürftigkeit und Schlagfähigkeit. „Sollte denn die Eigenschalt der Bewegungsfähigkeit —im engera Sinne Marschlähigkeit — der Armee so ganz in den Hintergrund treten dürfen? Die Bewegungsfähigkeil spielt in der Ausführung eine so bedeutende Rolle, dass sie auch im System dominircnd untergebracht werden muss. — Bedürftigkeit ist keine nutzbare Eigenschaft zur Erreichung des Zweckes, die eigene Staatskraft zu erhalten, die des Feindes zu vernichten. Aber Bewegungsfähigkeit und Schlagfähigkeit sind nutzbare Eigenschaften, denn sie sind Eigenschalten der Thäligkeit. Jede Staatskraft, folglich auch jede Armee hat zwei allgemeine Eigenschaften: 1. Die Fähigkeit, eine ieindliche Staalskraft zu vernichten, und 2. die Fähigkeit, von einer feindlichen Staatskraft vernichtet zu werden. Auf diese beiden Eigenschaften kann eine Eintheilung gegründet werden, aber nicht die in Strategie und Taktik, sondern in die Lehre vom Angriff und die Lehre von der Verlheidigung. Der Angriff hat die vorherrschende Absicht, Fremdes zu vernichten; erst in zweiter Instanz muss er daran denken, ach selbst vor Vernichtung zu hüten. Die Ver theidigung hat die vorherrschende Absicht, sich vor dem Vernichtetwerden zu sichern; in zweiter bstanz muss aber auch sie an die Vernichtung des Feindes denken. — Die Fähigkeit, vernichtet zu werden, constituirt offenbar, in einer Armee betrachtet, die Eigenschaft der Bedürftigkeit. Aus dieser fliesst also das defensive Princip, and nicht das strategische. Auf die Bewegungsfähigkeit also gründet sich dw Lehre von der Strategie, auf die Schlagfähigkeit die Lehre von der Taktik. Erst dadurch, dass diese beiden Eigenschaften thütiger Art, namentlich aber die Bewegungsfähigkeit, in Anspruch genommen werden, kommt die Bedürftigkeit zur Sprache. Man kann nie auf die Bedürftigkeit des Feindes an sich speculiren; aber wohl kann man darauf speculi;en, dass der Feind sich durch seine Marschfähigkeit in eine Lage versetze, in der seine Bedürftigkeit eine Schwäche für ihn wird; man kümmert sieh auch gar nicht um die Bedürftigkeit an sich, aber wohl fragt man, ob man in dieser oder jener Lage eine Schlacht liefern könne, ohne dass in Folge davon die Bedürftigkeit sich als eine nicht zu tilgende Schwäche herausstelle; ob man einen Marsch machen könne, ohne sich in die Unmöglichkeit zu versetzen, die Bedürfnisse zu befriedigen. Überall dominirl Schlacht und Marsch, —allgemeiner: Schlacht und Bewegung. Die Bedürftigkeit trägt erst die Reibung hinein, die allerdings erwogen werden muss, die aber niemals absolut in Betracht kommt. Daher rationellcrweise für die Lehre vom Kriege folgendes Eintheilungssystem:

1. Allgemeine Eigenschaften der Staatskraft: a) Fähigkeit, zu vernichten, Offensive, b) Fähigkeit, vernichtet zu werden, Defensive. II. Nutzbare Eigenschaften des Mittels zur Offensive und Defensive, d. h. des Heeres: a) Bewegungsfähigkeit , Operationen (Strategik). b) Schlagfähigkeit, Schlachten. (Taktik).

Rüstow erkannte vollkommen richtig, dass das System Willisen's hinke. Er glaubte aber, es hinke nur, weil Willisen es auf unrichtige Eigenschaften stellte. Auch Rüstow war es nicht darum zu thun, der Forderung des obcitirten §. ll der „Theorie des grossen Krieges" im ganzen Umfange zu genügen, d. i. alle Eigenschaften einer Armee der Reihe nach zu erforschen, sondern nur darum, das von Willisen aufgestellte Eintheilungssystem auf eine festere Basis zu setzen. Er glaubte dies zu erreichen durch Verwerfung einer der von Willisen aufgestellten Eigenschaften und deren Ersetzung durch drei neue Eigenschaften, die er selbst herausfand, eigentlicher aus den Functionen Willisens ableitete, der darüber im §. 16 sagt: „In jedem Momente ihres Daseins sind die Armeen mit einer Seite ihrer Thätigkeit der eigenen Erhaltung, mit der andern der Vernichtung des Gegners zugewendet" Diese drei neuen Eigenschaften sind: 1. Die Fähigkeit zu vernichten (Vernichtungsfähigkeit), 2. die Fähigkeit, vernichtet zu werden (Zerstörbarkeit), und 3. die Bewegungslähigkeit. Die Schlagfähigkeil Willisen's behielt er bei, die Bedürftigkeit jedoch stiess er aus dem System. Wie es nun mit dem Eintheilungs-System Rüstow's aussieht, nachdem er es auf die neuen Eigenschatten basirte, wird man leicht erkennen, wenn man die Frage aufwirlt, wodurch sich denn eigentlich die Fähigkeit, zu vernichten, von der Schlagfähigkeit unterscheide? Wie haltlos stürzen nicht all'diese Systeme zusammen, wenn man ihnen scharf zu Leibe geht!

So wenig nun Willisen vermochte, den von ihm ausgesprochenen schönen Gedanken auch wissenschaftlichen Ausdruck zu geben, so verdankt doch die Wissenschaft seinen und Rüstow's kritischen Bemühungen den Gewinn von vier Eigenschaften, und zwar: 1. Der Vernichtungsfähigkeit,

2. der Zerstörbarkeit, 3. der Bewegungsfähigkeit und 4. der Bedürftigkeit, die jedenfalls zu den wesentlichsten der ganzen Reihe gehören. Denn nicht nur wirkt jede Armee vorzüglich durch sie, sondern sie sind es auch, die jede Armee verwundbar und zerstörbar machen.

Wenn nun auch diese vier Eigenschalten ein reeller Gewinn für die Wissenschalt sind, so kann doch die Art. wie man dazu kam, keineswegs befriedigen. Statt nämlich, wie es der naturgemässe Weg forderte, bei dem Soldaten anzufangen und zu untersuchen, welche Eigenschaften ihm als Menschen überhaupt zukommen, dann diese nach den Erfordernissen des Krieges zu ergänzen und damit zu schliessen, diejenigen Eigenschaften zu erforschen, welche blos der Armee als einem Kunstproduct zukommen, kümmerten sich die beiden genannten Schriftsteller nicht im Geringsten um den Soldaten, sondern suchten nur an der Armee herum, um, was sie ihrer vorgelasslen Manung nach von Eigenschaften gerade brauchten, zum Aufbau ihres Systems zu benützen.

Vor Allem also ist es Sache der Wissenschaft, jene Eigenschaften in's «hörige Licht zu stellen, die dem Soldaten seiner menschlichen Natur nach zukommen. Zum Glück kann man die oben aufgestellten ohne weitere Untersuchung auch gleich hiehersetzen; denn in der That ist jeder Mensch fähig zu zerstören, fähig zerstört zu werden, lähig sich zu bewegen und hat ge wisse unvermeidliche Bedürfnisse, denen stets und unter allen Umständen Rechnung getragen werden muss, wenn er nicht nach und nach zu Grande gehen soll. Ausserdem besitzt er 5., Tragfähigkeit, 6. Körper?elenkigkeit, 7. Bildungsfähigkeit, 8. Sinnlichkeit und 9. Gefuhlserr egbarkeit.

Sache der Wissenschaft ist es ferner, den Umfang jeder dieser Eigenschaften festzustellen und darzuthun, aus welchen speciellen Eigenschaften jede der genannten neun Haupteigenschaften zusammengesetzt ist. Bei dieser Untersuchung wird sich z. B. herausstellen, dass unter den GesammtbegrifT der Gefühlserregbarkeit, der Muth in allen seinen Gradationen, der Unternehmungsgeist etc. gehören.

Geht man nun zur Armee über, um auch die i h r zukommenden Eigenschaften zu demonstriren, so wird man leicht finden, dass alle dem Soldaten eigenthümlichen auch ihr zugesprochen werden müssen; überdies aber noch drei weitere, und zwar: 1. Die Theilbarkeit, 2. der Zusammenhang und 3. die politische Abhängigkeit. Hiebei muss bemerkt werden, dass zwar die politische Abhängigkeit auch schon bei dem einzelnen Soldaten auftritt, insoferne er dieser oder jener Nationalität, dieser oder jener Religions-Partei angehört; dass sie sich aber doch erst bei grösseren militärischen Abtheilungen in einer Weise äussert, um die höchsten Rücksichten auf sie herauszufordern.

Aus der bisherigen Untersuchung resultirt also, dass 1. Vernichtungsfähigkeit, 2. Zerstörbarkeil, 3. Bewegungsfähigkeit, 4. Bedürftigkeit, 5. Tragfähigkeit, 6. Körper•elenkigkeit (aus ihr hervorwachsend: Körpergewandtheit),7. Bildungsfähigkeit, 8. Sinnlichkeit, 9. Gefühlserregbarkeit und 10. politische Abhängigkeit Eigenschaften des Soldaten — und ausser diesen noch 11. die Theilbarkeit und 12. der Zusammenhang Eigenschaften der Armee sind.

Alle diese Eigenschaften, wie sie einestheils von der Natur herstammen, anderntheils durch die militärische Arbeit dem Soldaten anerzogen wurden, bilden ein Product, welches die Zerstörungskraft oder Kriegsleistungsfähigkeit ist.

Im Frieden hat man es mit der Heranbildung und Entwicklung der oben genannten Eigenschaften zu thun. Je nach der Individualität und Nationalität ■wird man bald diese, bald jene Gruppe derselben mit besonderer Vorliebe

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