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mal so theuer als jene der schlechtesten Dampfmaschine') — noch mehr aber die Schwierigkeiten, ohne enorme Arbeilsverluste die Wirkungsweise von Explosivstoffen zu beherrschen und zu regeln, sind der Grund davon. Dass ein scharfsinniger Yankee das Schwarzpulver zwingt, Piloten einzurammen, indem er den Rammklotz gleichsam auf die Holzstämme herabschiesst, allerirt das Gesagte nicht.

Die Verwendungsweisen von Explosivstoffen zur Massenzerstörung lassen sich in zwei Gruppen scheiden. Die Pulverkraft bewirkt entweder direcl die Zertrümmerung von Körpern, indem sie innerhalb oder in unmittelbarer Nähe derselben zur Enlwickelung kommt, d. h. sie wirkt als Sprengmittel; oder die im Pulver schlummernde, latente Arbeitskraft wird zur Fortschleuderung fester Massen benützt, deren lebendige Kraft erst die Zerstörung der von ihnen getroffenen Körper hervorbringt; die Pulverkraft wirkt also unmittelbar als T r i e b m i 11 e 1.

Diese verschiedenen Wirkungsweisen, welche von Explosivmitteln gefordert werden, bedingen nun auch im Allgemeinen verschiedene Entwickelungsgesetze der in ihnen ruhenden Arbeitskraft.

Bei der Verwendung als Triebmittel ist die Aufgabe der Pulverkrafi: Geschossen von bestimmlein Kaliber und Gewichte bestimmte Anfangsgeschwindigkeiten zu geben.

Die durch die Entzündung des Pulvers im Feuerrohre entstehenden Gasdrücke, welche die Forlbewegung des Geschosses bewirken, sind durch die Rücksichten auf die Erhallung des Rohres an bestimmte Grenzen gebunden. Darf aber die Grosse der Kraft, welche einer gegebenen Masse eine bestimmte Geschwindigkeit zu ertheilen hat, nicht über ein gewisses Mass steigen, so darf dann die Zeit, während welcher die Kraft wirken muss, nicht unter gewisse Grenzen sinken.

Je grösser die zu erzielende Anfangsgeschwindigkeit, je grösser, bei geometrisch ähnlichen Geschossen, das Kaliber des Geschützes, um so grösser muss die Zeit sein, während der die Pulverkrafl auf das Geschoss drückt, vorausgesetzt, dass letztere nicht die durch das Geschützmateriale bedingte Grenze überschreite. Je schwerer also das Geschoss, je grösser die nöthige Anfangsgeschwindigkeit, um so langsamer und gleichmässiger verbrennende Pulver sind anzuwenden. Eine Gewehrkugel erreicht die Geschwindigkeit von 800 Fuss in etwa -^ Secunde; das Geschoss eines gezogenen SOpföndigen Rohres fordert zur Gewinnung der gleichen Schnelligkeit schon die zehnfache Zeit; ja bei ziemlich scharfen Versuchen Boulenge's in Belgien bat sich bei gezogenen Slahlkanonen mittleren Kalibers schon die Wirkungszeit des Pulvers bis zu £ Sekunde ergeben. Soll bei dem nordamerikanischen glatten löZöller (400Plünder) eine Anfangsgeschwindigkeit von 1300-1400 Fuss erreicht und dabei der für Gusseisen schon bedeutende milllere Druck

*) Ein Pfund Kohle in der schlechtesten Dampfmaschine gibt ungefähr dieselbe Arbeitsmenge, wie ein Pfund Pulver in einem gut construirten Geschütz.

von 6000 Pfund ä. Quadrat-Zoll nicht überschritten werden, so muss die Wirkungszeit noch über den Werth von -^ Sekunde steigen.

Das bisher angewendete Schwarzpulver gestattet ohneweiters mit frösster Leichtigkeit diejenige Maximalkraft zu erreichen, welche für Geschützrohre überhaupt noch zulässig ist. Der Fortschritt im Pulverwesen, insoweit er das Entwickelungsgesetz der Pulverkraft betrifft, ist daher nicht auf Einführung stärkerer, sondern auf Erzielung langsam und gleichmassig verbrennender Präparate gerichtet.

Ein Pulver, welches vom Momente seiner Entzündung bis zum Austritte desGeschosses aus dem Rohre, ähnlich wie die Dampfkraft in einer Maschine ohne Expansion, mit vollkommen gleichem Drucke wirkt, ist gegenwärtig das Ideal der meisten Bestrebungen auf dem Gebiete der Schiesspulvererzeugung. Die Resultate aller dahin gerichteten Anstrengungen sind freilich bis jetzt äusserst gering und beschränken sich beinahe ausschliesslich nur auf Veränderungen in der mechanischen Constitution des nun fast ein halbes Jahrtausend alten Schiesspulversatzes. Erfreuliche Lichtpunkte in dieser, bei dem tiefgreifenden Einwirken der Chemie auf anderen Gebieten, geradezu jämmerlichen Stagnation bilden nur die Bestrebungen des österreichischen Generals Baron Lenk und des englischen Chemikers Abel, die Schiesswolle als Triebmittel für Feuerwaffen einzuführen, ferner die Versuche des Franzosen Designolles mit Picratpulvern') und die des preussischen Artillerie-Hauptmanns Schultze mit dem sogenannten weissen Schiesspulver.

Die Hauptursache solch' geringen Fortschrittes liegt nun wohl darin, dass heute noch kein zwingender Grund vorliegt, von dem alten Schwarzpulver abzugehen.

Tüchtige Fachmänner auf artilleristischem Gebiete hegen die Hoffnung, auf dem Wege rein mechanischer Veränderungen des gewöhnlichen Pulversatzes die Verbrennungsgeschwindigkeit vollkommen entsprechend regeln zu können, ohne dabei unter die zulässige Kraftgrösse zu kommen. Würde diese Hoffnung reaüsirt, so bilden alle Mängel, welche das Schwarzpulver sonst besitzt, wohl noch ein recht ansehnliches Sündenregister, welches den Ersatz desselben durch ein anderes Schiesspräparat ganz wünschenswerth macht; es ist aber dann kein Grund mehr vorhanden, wenigstens nach Ansicht der meisten Artilleristen, welcher die Einführung eines neuen Triebmittels g ebieterisch fordern würde.

Ganz anders aber gestallet sich die Sachlage, wenn man die u n m i 11 e Ibare Verwerthung der Pulverkraft zur Massenzertrümmerung, nämlich seine Anwendung als S p r e n g m i 11 e 1, in Betracht zieht

Zur unmittelbaren Zertrümmerung fester Massen gehören weitaus gewaltigere Kräfte, als im Geschützrohre zur Entwickelung gelangen dürfen. Dass das Schwarzpulver solche Gewalten zu entwickeln vermag, ist gewiss; das zeitweilige Springen der stärksten Geschützrohre liefert den unwiderlegbarsten Beweis dafür. Solch' furchtbaren Druck, dem die stärkste Cohäsionskralt nicht zu widerstehen vermag, entwickelt aber leider das Schwarzpulver nur unter Verhältnissen, wie sie bei seiner Verwendung als Sprengmiltel im Felde meist nicht schaffbar sind.

') Siebe später. öattrr. miliar. Zeitschrift 1871. (1. Bd.) 11

Das Schwarzpulver bedarf unbedingt eines nach allen Seiten sehr festen Einschlusses oder fordert die Anwendung sehr bedeutender Mengen, wenn es jene Kraft entwickeln soll, welche zur Zertrümmerung sehr widerstehender Körper nöthig ist. Der Grund hievon liegt in der langsamen Verbrennung des gewöhnlichen Pulvers und in der dadurch den sich Anfangs entwickelnden Gasen gebotenen Zeit, durch Überwindung leichterer Widerstände den Verbrennungsraum bedeutend zu vergrössern, bevor die ganze Pulvermasse in Gas umgesetzt ist. Mit der Vergrösserung des Raumes, den Gase einnehmen, nimmt aber bekannlermassen deren Spannung ab.

Ein Zentner Schwarzpulver, frei an eine Mauer von nur geringer Stärke gelegt, schwärzt dieselbe blos, ohne sie auch nur im Geringsten zu erschüttern. Die langsame Verbrennung gewährt eben bei der leichten Verschiebbarkeit der Luft genügend Zeit zur Bildung eines Hohlraums, in welchem die sich entwickelnden Gase sich derart ausdehnen, dass sie keine Spannung örlangen, welche den Widerstand der Mauer zu überwinden im Stande wäre. Wohl kann man mit geringeren Pulvermengen als einem Zentner die Mauer zertrümmern; aber man muss dann dem Pulver einen festen Widerstand schaffen, sei es durch Überdeckung mit Sandsäcken, Erde etc., oder durch Eingraben am Fusse der Mauer. Die Anwendung solcher Hilfsmittel ist aber olt eine sehr schwierige, in vielen Fällen geradezu unausführbar. Hat man die Zeit zur Ausführung solcher Massregeln, wo Mauern, Palissadirungen etc. im feindlichen Feuer zu zerstören sind? und wie will man sie überhaupt verwenden, wenn z. B. der gewaltige Widerstand schwerer Eisenbrücken zu brechen ist?

Man hat die Eigenschaft des Schwarzpulvers, bei festem Einschlüsse hohe Spannungen zu entwickeln, auszunützen versucht, um auch Aufgaben der letztgenannten Art zu lösen. Die Pulversprengtonnen (Stahlfässchen mit 70 Pfund Scheibenpulver gefüllt), welche die österreichische Genietruppe im Feldzuge 1866 mit sich führte, waren das Resultat solcher Bestrebungen. Es sind dies „Les barils foudroyants en pläques d'acier d'apres le Systeme du comite du genie," von denen der instruircnde Bericht auf der letzten französischen Ausstellung erzählt: „Les palissades, les mürs isoles, les voüles en maconnerie d'une epaisseur d'un nietre et mfeme des constructions en fer sonl infailliblement rompus et renverses par la force explosive de ces barils."

Darnach sollte man wohl glauben, dass diese Sprengfässchen alle vernünftigen Anforderungen des Militäringenieurs erfüllen würden, — leider hat aber die Praxis andere Resultate ergeben.

Wir hatten während des letzten Feldzuges per Compagnie Genietruppe 7 Centner dieser Sprengfässchen, ohne fast irgend eine nützliche Anwendung derselben zu machen. Schon zur Zerstörung von Holzbrücken erwiesen sie sich als unpraktisch, und gegen Eisenbrücken, ganz kleine Blechbrücken ausstammen, sind sie nahezu wirkungslos. Und was sollen sie gegen Mauern und Palissadirungen? Sind diese unverteidigt, so kann man selbe ganz leicht mit losem Pulver zerstören, steht aber der Feind hinter ihnen, so ist es Dähou unmöglich, die ziemlich voluminöse und über 80 Pfund schwere Tonne an das vertheidigte Object zu bringen.

Die Pulver-Stahltonnen bildeten daher einen ganz überflüssigen Ballast, ja sie waren eher schädlich, durch die Transportkraft, welche sie consumirten, and durch das falsche Vertrauen, das sie etwa unerfahrenen Officieren, die den französischen Ausstellungsbericht gelesen, einflössten.

Man kann es jetzt als feststehend ansehen, dass das Schwarzpulver eine äusserst wichtige und häufig vorkommende Aufgabe der heuligen Kriegföliraag: „rasche und sichere Zerstörung fortificatorischer und Communicationsobjecle" nicht rationell zu lösen vermag, und dessen Ersatz als Sprengmiltel daher unbedingt nothwendig geworden ist.

Der eben angedeulete Hauptzweck von Sprengpräparaten bestimmt scharf die Eigenschaften derselben:

1. Grosse Kraft bei relativ kleinem Räume.

2. Äusserst rasche Verbrennung, damit selbst bei leichtestem Einschlüsse, z. B. blosser Umschliessung durch Luft, das Explosivmittel vollständig vergast ist, ehe eine bedeutend e Vergrösserung des Verbrennungsraumes, ein Rückschieben des die Ladung umgebenden Mittels eingetreten ist, welches eine bedeutende Herabsetzung der beidemExplosiv mittel überhaupt möglichen Gasspannung mit sich bringt.

Der Militäringenieur fordert also starke und brisante Präparate, so genannt, weil solche Explosivmittel, in einem Geschützrohre angewendet, ihre Hauptwirkung oft nur durch Zerschmetterung (Brechung) desselben äussern. Dieser Forderung der Anwendung starker und brisanter Explosivmiltel für Sprengzwecke im Kriege ist gegenwärtig beinahe in allen grösseren Staaten Genüge geleistet, und es ist daher gewiss für jeden Militär von Interesse, von diesen neuen Kriegsmitleln eine allgemeine, und von demjenigen, dessen sich gegenwärtig die österreichische Genietruppe bedient, eine etwas eingehendere Kenntniss zu besitzen. Ich will daher im Folgenden die modernen Explosivstoffe bezüglich ihrer Geschichte, Erzeugung und Eigenschaften im Angeben '), und dann das bei uns gegenwärtig eingeführte Sprengmittel, das tTnamii, besonders bezüglich seiner Wirkungen gegen bestimmte Objecle, ausführlicher besprechen.

') Wer «ich eingehend über diesen Gegenstand unterrichten will, den verweise >ti auf das von mir veröffentlichte Werkchen: „Explosibje Nitrilverbindungen etc.",

- Auflage.

II. Die explosiblen Nitrilverbindungen.

Die Zahl der in den letzten Jahren aufgetauchten Sprengmittel ist eine höchst bedeutende; die Zahl derjenigen dagegen, welche einen tiefer greifenden Einfluss auf die Sprengtechnik genommen haben, sei es für industrielle oder militärische Zwecke, eine relativ geringe. So verschieden diese letzteren Explosivstoffe auch sind, sie bestehen alle entweder ausschliesslich oder doch zum grossen Theile aus Präparaten, welche in ihrer Entstehung äusserst verwandt sind, und deren Anwendung zunächst der Fortschritt der letzten Jahre in der Erzeugung besserer Sprengmittel zu danken ist. Diese Präparate sind die explosiblen Nitril Verbindungen. Durch gleichzeitige Einwirkung von Salpeter und Schwefelsäure auf gewisse organische Körper entsteht eine Reihe organischer Verbindungen, die sich durch eine sehr bedeutende Explosivkraft und durch äusserst rasche Entwicklung derselben auszeichnen. Die Bildung aller dieser Explosivkörper aus den Grundstoffen geschieht dadurch,. dass einige Wasserstoffäquivalenle der letzteren durch ebensoviele Äquivalente Untersalpetersäure, auch Nitril genannt, ersetzt werden. — Daher ihr Name.

1846 gab Schönbein das Verfahren an, reine Baumwolle in der oben angedeuteten Weise in das bekannte Schiess- und Sprengmittel, die Schiessbaumwolle, umzuwandeln. 1847 entdeckte ein Italiener, Sobrero, einen ganz analog sich bildenden Körper, das Nitroglycerin, und bald fand man noch eine Reihe ähnlicher Körper, den Nitromannit (nitrirter') Mannazucker), das Xyloidin (nitrirtes Stärkemehl), die Picrinsäure u. s. f.

Unter diesen zahlreichen Körpern haben nur die Picrinsäure, die Schiesswolle und das Nitroglycerin, insbesondere die letzteren zwei Körper, Wichtigkeit für die Sprengpraxis erlangt, und es ist daher dem Laien nur eine eingehendere Kenntniss der aus diesen Stoffen gebildeten Pulver von Interesse.

1. Picratpulver.

Die Picrinsäure, eines der vorzüglichsten Mittel zum Gelbfärben für Seide und Wolle, wurde zuerst 1788 von Hausmann dargestellt und wird gegenwärtig in sehr bedeutenden Massen aus Carbolsäure, dem bekannten Desinfections- und Imprägnirungsmittel, dargestellt, indem man diese mit Schwefel- und Salpetersäure behandelt und dadurch dahin gelangt, drei Äquivalente Wasserstoff der Carbolsäure durch drei Äquivalente Untersalpetersäure zu ersetzen *).

Mit Basen bildet die Picrinsäure Salze, die, meist leicht crystallisirbar.

') Nitrirter, d. h. mit «lern entsprechenden Gemische aus Salpeter- und Schwefelsäure behandelter Stoff.

*) Cl% H, Ot == Carbolsäure, C,a H, 3 (NOJ 0, = Picrinsäure.

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