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Der Franzose konnte nicht denken, dass je fremde Heere seinen Boden betreten würden, und darum war für Sirassburg so viel wie Nichts geschehen, was die entsprechende Verteidigung desselben ermöglichen konnte.

Erfordert im Allgemeinen jede Festung mindestens vier Wochen, um sie gegen einen gewaltsamen Angriff in Vertheidigungsstand zu setzen, so musste die kurze Zeit, welche nun gegeben war, auf das Beste ausgenutzt werden, da man, bei der strategischen und politischen Wichtigkeit StrassLurg's, auf eine Belagerung gefassl sein musste, und die Festung den neueren Anforderungen in keiner Weise entsprach.

Die Befestigung von Sirassburg, einer Stadt von 80.000 Einwohnern, war nach dem bastionirten System des berühmten deutschen Fortificaleurs Daniel Speckle erbaut, durch Vauban vervollständigt und um die Citadelle verstärkt worden.

Damals war die Rheinbrücke am rechten Ufer durch einen Brückenkopf geschützt, und so Strassburg ein wahres Einbruchsthor nach Deutschland. Der Kehler Brückenkopf wurde aber im Jahre 1796 von den Österreichern belagert, erobert und geschleift.

Der beigefügte Übersichlsplan, Tafel I, zeigt in allgemeinen Umrissen die Befestigungen der Stadt, wie sie von der erwähnten ältesten Zeit bis auf die heuligen Tage blieben und um Nichts im modernen Sinne verstärkt wurden, als elwa um ein nahes, von der Festung abhängiges Vorwerk (Lünette Nr. 44). Dann, wie es scheint, um einige Hohltraversen und einen gedeckten Gesehützsland.

Seit Einführung der gezogenen Geschütze war in Strassburg absolut gar Nichts gelhan worden, was einer Hebung der Vertheidigungskraft im fürtifieatorischen Sinne gleich gekommen wäre. Das Unerlässlichste bei einer Feslang, welche zugleich eine volkreiche Industriestadt ist: sie mit weit abliegenden, vor einem Bombardement schützenden Forts zu umgeben, war versäumt worden. Die Escarpe-Mauern waren dem indirecten Brescheschuss aus grosser Entfernung ausgesetzt.

Als man die Wälle, in der Form wie sie heute dastehen, erbaute, kannte man weder Shrapnels, noch war die ausschliessliche Anwendung von Hohlgeschossen vorauszusehen. Vauban war in der Blüte, und damit war auch die Nichtanwendung von Casemalten selbstverständlich. Wir finden in Folge dessen in Strassburg weder Verlheidigungs - Casematten noch solche zu Unterkünften.

Wie bei allen Festungen dieser Zeit verschwendete der Ingenieur seine Kunst in der Stärkung des defensiven Momentes. Dies zeigt die Masse der vielen in- und hintereinander gelegten Werke und die ausgedehnteste Anwendung des Wassers als Annäherungshinderniss. Mit grosser Geschicklichkeit tenutzt, machte dieses Element nach drei Seilen die Kunst des Sappeurs zu Schanden und eine regelmässige Belagerung unmöglich. Auf einer Seite der Rhein mit seinem Arme, auf den beiden andern nach Norden und Süden weitreichende künstliche Überschwemmungen, welche, durch die 111 und zahlreiche Schifffahrlscanäle ermöglicht, die Festung von zwei Seiten als eine Insel erscheinen Hessen. Aber auch auf der vierten, der Westseite, halte der Belagerer mit Wasser, welches mehrere hintereinander liegende Gräben und ausserdem noch kleine Inundationskessel füllte, zu kämpfen. Minensysteme und eine mehrfache Reihe von Werken sollten hier an den West-Fronten, deren Vorfeld trocken war und der Offensive, den Ausfällen eine Lücke Hess, die defensive Stärke der Überschwemmungen ersetzen.

Im alten Sinne gedacht, konnte man die Festung mit Recht als „uneinnehmbar" bezeichnen, und die Jungfräulichkeil, welche dieselbe trotz vieler Kriege bewahrte, gibt Zeugniss, dass man sich nicht die Krall zutraute, sie zu erobern. Seitdem war aber Vieles anders geworden. Die gezogenen Geschütze schiessen über die Überschwemmungen hinweg, und mancher Punkt, der sich ehedem vor einem Kreuzfeuer nicht fürchten durfte, wird nun von demselben erreicht. Die Höhen an der Nordwestseite, welche früher ungefährlich schienen, dominirlen jetzt mehr oder minder die Werke; die Culturen und Ansiedlungen verdeckten einen grossen Theil des vom Feinde besetzten Terrains den Blicken und den Geschossen des Vertheidigers.

Was war nun geschehen, um die Schwächen, welche ein neues Geschülzsystem der Festung geschlagen halte, nachdem dies im Frieden versäumt war, wenigstens jetzt in der Spanne Zeil, in welcher ein ungünstiges Geschick den Feind vor die Thore bringen konnte und wirklich brachte, zu beseitigen? So viel wie Nichts! Man begann mit dem Überflüssigsten: nach uralter Väter Sitte den gedeckten Weg mit Palissaden zu versehen, damit der Feind sicher etwas finde, dessen Zerstörung recht leicht sei. Aber auch damit wurde man nicht fertig, und zum Schlüsse der Belagerung standen an manchen Linien nur die Thore, welche durch die hindernden Palissaden führen sollten, — diese aber fehlten!

Es fehlte an Traversen, an Handpulvermagazinen, an bombensicheren Unterständen, an Plattformen, an Minen — an Allem. Es fehlte an Munilionsbestandlheilen, an geschulten Infanteristen, an Kanonieren, Ingenieuren und Genie-Soldaten. — Mit Geschossen und Pulver musste man haushallen!

Wie muss das Bewusstsein der Schuld eine Regierung, ein Ministerium, wenn anders dort noch Gefühl für Ehre und Vaterland lebte, drücken, welches darüber gleichgiltig die Augen schliessen konnte?

II. Die Besatzung.

Der Festungsstab: Festungs-Commandant, zugleich Commandant der 6. Militär-Division, war Divisions-General U h r i c h, 68 Jahre alt, seit drei Jahren pensionirt gewesen, erst kurz vor dem Kriege zur acliven Dienstleistung einberufen.

Über seinen Charakter circulirten die widersprechendsten Nachrichten. Während der Belagerung taufte man eine Allee nach seinem Namen und eraannte man ihn zum Ehrenbürger; so zufrieden war man mit ihm. Als aber plötzlich, und für den grösslen Theil der Bevölkerung überraschend, die Capilulation in Scene gesetzt wurde, nachdem er früher geschworen, die Festung bis auf den letzten Mann zuhalten, da machte sich ein Umschwung kund, und man scheute sich nicht, mündlich und schriftlich ihn der Feigheit und des Verraths zu zeihen. Man bezeichnete ihn als einen eifrigen Napoleonisten und brachte die Übergabe der Festung auch damit in Zusammenhang.

Wir wollen dem Urlheile der zu Bordeaux eingesetzten UntersuchungsCommission nicht vorgreifen, aber so viel glauben wir behaupten zu können, dass, wie er selbst in seinem Schreiben zugibt, ihm die nöthigen Kenntnisse fehlten, eine Festung den Anforderungen der Wissenschaft gemäss zu vertheidigen, — dass es ihm ferner an Energie gebrach, eine zuchtlose Rotte, welchesich unter der Besatzung befand, im Zaume zu halten, — dass ihm jene Begeisterung fehlte, die Andere mit sich reisst — und hierzu waren inSlrassl>urg die trefflichsten Elemente zu finden; es fehlte ihm an Organisationstalent, um die ihm zu Gebote stehenden Kräfte zu ordnen, ihren speciellen Eigenschaften gemäss zu verwenden; es fehlte ihm vor Allem jene urwüchsige Kraft und Phantasie, welche stets neue Mittel erfindet, wenn die allen verbraucht sind, und jene Beweglichkeit des Geistes, welche immer schafft und nimmer ruht. Dass er diese Eigenschaften nicht besass, kann man ihm nur theilweise zum Vorwurfe machen; aber sie sind ein Fingerzeig, welche Männer man wählen soll, wenn eine selbständige Aufgabe mit ungenügenden Mitteln durchzuführen ist.

Als Seele der Verteidigung wird allgemein derConlre-Admiral Exelmans genannl, der die Rhein-Flotille commandiren sollle, — eine tapfere, energische und gewinnende Natur. Es war demselben die Oberleitung der Verteidigung des Abschnittes der Conlades übertragen. Er und der Capitaine .le vaisseau Dupetil-Thouary werden stels mit Auszeichnung genannt. Exelnuns muss als ad latus des Feslungs-Commandanten betrachtet werden.

Die -wichtigste Person nach dem Festungs-Commandanten, der Genieliirecto r, war der Oberst Sabatier; derselbe war jedoch sehr kränklich und durfte in Folge eines Leidens am Knie nur wenig Bewegung machen.

Der eigentliche Genie-Chef, insoferne derselbe die aclive Verlhddigung leilele, war aber Obersllieutenant Marilz. VomGenie-Corps war zugelheill: Major Du er o t, die Seele der Verteidigung der Citadelle, wo er den Geniehienst ganz allein leiten mussle. Man spricht nur mit höchster Achtung \on ihm. Leider wurde er am 20. September in der Citadelle, als er eben die Arbeiter anslellle, durch einen Bombensplitter getödtet.

Ferner zugelheilt: 5 Hauptleule, l Zögling der Ecole polytechnique, der bald in der Citadelle verwundet wurde, endlich 5 Gardes du genie (WallAufseher).

Angesehene Bürger, denen zu glauben wir allen Grund haben, behaupten, Maritz und die anderen Genie-Officiere hätten ihre Schuldigkeil im vollen Masse gelhan; wenn Vieles zu wünschen übrig blieb, so muss man die Schuld, so behaupten sie, ihrer verschwindend geringen Zahl und der Enlblössung von den notwendigsten Mitteln, insbesondere aber an GenieSoldaten, zuschreiben. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, dass ihnen eine, die physischen Kräfte weil übersteigende Aufgabe zugemuthet war und dieselben mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen halten.

Der Artillerie-Stab bestand aus dem General Barral. welcher aber ersl während der Cernirung, als Bauer verkleidet, in die Festung kam.

Über ihn hat man ebenfalls verschiedene Ansichten laut werden lassen. Manche bezeichnen ihn als sehr lüchlig und stellen ihn dem Admiral Exelmans würdig an die Seite.

Eigentlicher A rlillerie-Director war Oberst Bei u; Sous-directeur d'arlillerie Obersllieutenanl Mengin; Sous-chef de Felat major d'arlillerie: chef d'escadron Bergere. Der Oberst und Commandant des 20. Arlillerie-Regimenls: Peti tfried.

Bei der Truppe waren fünf bis sechs Chefs d'escadron d'arlillerie, also auch hier, wie beim Genie-Corps, ganz unzureichende Kräfte.

Platz-Commandant war Oberst Ducasse.

Die Truppen. Zur Besatzung zählten folgende Ablheilungen: Das Linien-Infanterie-Regiment Nr. 87, welches am 6. August in Strassburg am Durchmarsche zumCorps MacMahon halb oder ganz zufällig in der Festung zurückblieb, — die einzige intacte und compacle Feldlruppe, ungefähr 2700 Mann stark, ein ausgezeichnetes Regiment unter einem tüchtigen und braven Commandanlen, dem Obersten B l o t.

Das Depot-Bataillon des 18. Infanterie-Regiments, circa 750Mann.

Das Depot-Bataillon des 96. Infanterie-Regiments, circa 750Mann.

Die Depöt-Compagnien des 10. und des 13.Bataillons Chosseurs ä pied, circa 300 Mann.

Die Depot-Batterien des 5. und 20. Artillerie-Regiments (inclusive hinzugekommener versprengter Mannschalten anderer Regimenter), circa 1200 Mann.

Marineurs, welche zur Bemannung der Rheinflolille bestimmt waren, 120 Mann.

Pontonniere (16. Artillerie-Regiment) — aus Mangel an Pferden halten vier Compagnien am 6. August dem Heere nicht nachrücken können — 1100 Mann.

Zwei Escadrons vom 6. Lanciers-Regiment, 250 Mann.

Vers-prengte vom Corps Mac Mahons, welche nach der Schlacht von Wörth in die Festung flüchteten, u. z.:

0) Infanterie von zehn verschiedenen Regimentern, circa 4500 Mann -t

1) Cavalleristen, 550 Mann;

c) Genie-Truppe: 4 Mineurs und 16 Sapeurs du genie, zusammen 20 Mann.

Die Mobilgarde (garde nationale mobile): Vier Bataillons Infanterie, circa 3600 Mahn, Artillerie 800 Mann.

Endlich die sesshafte Nationalgarde (garde nationale sedenuire), welche nur den Wachdienst im Innern versah, 3600 Mann (darunter 300 Artilleristen, die zur Bedienung der GeschüUe an den nicht gefährdeten Fronten verwendet wurden).

Während der Belagerung wurden ferner gebildet: Freiwillige Jäger- Compagnien 300 Mann; Franc-tireurs 120 Mann; auch worden die Douaniers zum Dienste beigezogen.

Die Besatzung betrug somit:

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Summe 20660 Mann

Darnnler etwa 250 Infirmiers und 200 Bäcker. Diese Summe, welche übrigens eher zu hoch gegriffen ist, nimmt sich nun allerdings recht stattlich aus. Untersucht man aber die Elemente, welche

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