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Um so willkommener für das Studium der Organisationen und Zustände fremder Armeen erscheint daher der ohnehin selten eintretende Fall, dass die Schweiz grössere Heerestheile zu einem ernsten Zwecke aufbietet Kam es auch zu keinem Zusammensloss, so fehlte es doch nicht an der Verfassung hiezu und schon die Ausführung des Aufmarsches an der Grenze muss das Interesse jedes Militärs erregen , ob er nun zu den Anhängern oder zu den Gegnern des in der Neuzeit so vielbesprochenen Milizwesens gehört.

Gefördert wird die Betrachtung bedeutend durch die officiellen Berichte über die Aulstellung im Juli und August — den einen Hess der Schweizer Bundesrath, den andern Oberst Herzog, Oberbefehlshaber der mobilisirten Armee, veröffentlichen. Beide erörtern mit einer in solchen Fällen nicht zu häufig vorkommenden Freimülhigkeit die an den Tag getretenen schweren Mängel der Schweizer Heereseinrichtungen.

Wir werden später Gelegenheit finden, die principielle Seile des Gegenstandes noch einmal zu berühren. Vorerst wollen wir aber die im Frieden bestehenden schweizerischen Militär-Einrichtungen, speciell die Zahl der Heereskörper, deren Eintheilung, die Bewaffnung, die Wehrpflichtigkeil der Bewohner, deren Ausbildung im Waffengebrauche, endlich die MobilisirungsVorkehrungen einer kurzen Erörterung unterziehen, um sodann zur Resumirung der vorgedachten Berichte zu schreiten.

Die Heereseinrichtungen im Frieden.

Das schweizerische Heer in seiner jetzigen Gestalt ist eine Schöpfung neuerer Zeit. Die Neugestaltung erfolgte unmittelbar, nachdem die politischen Strömungen des Jahres 1848 dem demoeratischen Princip im Lande die volle Anerkennung verschafft hatten, und dem zufolge alle jene Ausnahmen aufhörten, welche bis dahin in den Cantonen und selbst in den Gemeinden zu Gunsten einzelner Landstriche, Classen oder Personen bestanden hatten.

Die Canlonalregierungen wurden neu organisirt, und hiebei in politischer, administrativer und gerichtlicher Beziehung nach Gleichförmigkeit im Gebiete der gesammten Schweiz getrachtet. Das Post- sowie auch das Münzwesen wurden einheitlich geordnet, und zur Regelung der Militär - Verhältnisse geschritten. Hier boten sich grössere Schwierigkeiten, doch erfolgte auch auf diesem Gebiete nach langwierigen Verhandlungen und Abmachungen ein befriedigender Abschluss in Gestalt des Bundesgeselzes vom 8. Mai 1850, welches die Grundzüge des Heerwesens der Schweiz in einer Art feststellte, wie sie den übrigen zum Durchbruch gelangten Anschauungen entsprachen.

Die Hauptumrisse dieses Gesetzes sind unter Berücksichtigung späterer Änderungen im Nachfolgenden wiedergegeben.

Das schweizerischeBundesheerisl eine Milizarmee und bestellt aus dem Bundesauszug und der Bundesreserve.

Der Bundesauszug entspricht der Zahl nach 3% der schweizerischen Bevölkerung und enthält:

1. Genietruppen:

6 Compagnien Sappeurs j

3 „ Pontonniers

2. Artillerie: 9 bespannte 10 Cent. Batterien, gezogene Hinterlader . 19 bespannte 8 Cent. Batterien, gezogene Vorderlader . 2 gezogene Gebirgsbatterien . 4 Positions-Compagnien 6 Park-Compagnien Parktrain . - 3. Cavallerie: 22 Compagnien Dragoner . . . . . . . . . . . ''. " Guiden . 4. Scharfschützen: 13 Bataillone . . . . . . . . . . . . . . . 4.800 Mann 5. Infanterie: 4 ganze Bataillone . halbe 77 - - - - 7 einzelne Compagnien . . . . . . . . . . . 6. Besonderes Gesundheits- Personal: &hwadrons-, Thier-Ärzte und Krankenwärter . . . . . l 44 Mann Die Bundesreserve entspricht der Zahl von 1%% der schweierschen Bevölkerung und besteht aus:

1. Genietruppen: 6 Compagnien Sappeurs . r Pontonniers

2. Artillerie: 2 bespannte 10 Cent. Batterien, gezogene Hinterlader ll bespannte 8 Cent. Batterien, gezogene Vorderlader . 2 Gebirgsbatterien . . . . . . . . . . . . . } 4.248 Mann 8/, Positions-Compagnien 6 Park-Compagnien 3. Cavallerie: 13 Compagnien Dragoner *, „ Guiden . 4. Scharfschützen: 8 Bataillone . . . - - - - - - - - - - - 2.590 Mann

5. Infanterie: 3 ganze Bataillone . 10 halbe „ - 15 einzelne Compagnien Bichsenmacher für die Gewehr-Werkstätten Gesundheits-Personal.

Der Bundesauszug hat also planmässig eine Stärke von 70.262, die Bundesreserve eine solche von 35.071 Mann. Das Gesammt-Contingent besteht somit aus 105.333 Mann. Ausserdem werden von einigen Cantonen aus Mannschaften, welche "Auszug und Reserve wehrpflichtig sind, aber in den planmässigen Cadres "Platz finden, noch überzählige Corps gestellt.

6.504 Mann

1.947 Mann

55.977 Mann

630 Mann

932 Mann

26.563 Mann

108 Mann

In Zeiten der Gefahr kann der Bund auch über die Landwehr verfügen. Dieselbe besteht aus jener Mannschaft, welche, nach vollstreckter Dienstpflicht im Auszug und in der Reserve, aus dem Bundesheere tritt.

Der Gesammlstand der Landwehr belief sich vor Kurzem auf 65.359 Mann, welche folgenden Waffengattungen angehören: 586 Mann Genie

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Die Compagnien oder Batterien für das Genie, für die Artillerie und für die Guidcn;

die Schwadron, bestehend aus zwei Compagnien, für die Dragoner;

das Bataillon für die Infanterie und die Scharfschützen.

Ausnahmsweise kommt bei der Infanterie auch das Halbbalaillon als taktische Einheit vor.

Der Sollsland der Unterabteilungen sowie der daraus gebildeten taktischen Einheilen niederer Ordnung ist aus der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen.

An taktischen Einheiten höherer Ordnung werden Brigaden und Divi.sionen formirt.

In Brigaden werden cingelheilt: Die Artillerie, die Cavallerie, die Scharfschützen und die Infanterie.

Eine Artillerie-Brigade zählt zwei bis vier ßalterien. Ist eine solche einer Armee-Division zugelheilt, so wird sie in der Regel folgendermassen zusammengestellt:

2 bespannte 8 Cent, gezogene Batterien,

1 bespannte 10 Cent, gezogene Batterie.

Die Cavallerie-Brigade besteht aus zwei bis vier Schwadronen, die Infanterie-Brigade aus zwei bis sechs, durchschnittlich aber aus vier Bataillonen.

Zu jeder Brigade gehört überdies eine Ambulanz-Seclion.

Erlolgt eine allgemeine Aulslellung, so formiren der Bundesauszuy und die Bundesreserve neun Armee-Divisionen, drei selbständige Brigaden und eine Artillerie-Reserve-Division.

Eine Armee-Division besieht aus dem Stab, einer halben bis einer Compagnie Guiden, einer Compagnie Sappeurs, einer Artillerie-Brigade, einer Schwadron Dragoner, einer Scharfschützen-Brigade, drei Infanterie-Brigaden und dem üivisionspark.

Die selbständigen Brigaden werden aus den disponiblen Infanterieund Schützen-Bataillonen iormirl und sind für die wichtigeren befestigten Plätze als Garnisonen, eine derselben als Arlillerie-Bcdeckungs-Brigade bestimmt.

Die Armee-Divisionen werden von 1 bis 9 numeriil, die InfanterieBrigaden von 1 bis 30; ebenso fortlaufend durch die ganze Waffe die Arlillerie-Brigaden.

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13 339

5 14 29 688

6 692

Compagnien werden von dem älteren

Anmerkung: tt) Zwei zn einer Schwadron vereinigte I>ragoner-(

Hauptmann befehligt. t>) Kanonen, sowie die Caissons sind mit sechs Pferden bespannt, r) Das Infanterie-Bataillon besteht atls zwei Jäger- und vier Fnsilier-Compagnien, das

nalb-Bataillon aus einer Jäger- nnd zwei Filsilier-Compagnien.

Das Seharfschiitzen-Bataillon zählt drei bis vier Scharfsehiltzen-Compagnien.

Sämmtliche Truppen des Bundesauszugs und der Bundesreserve sind schon in friedlichen Verhältnissen in Brigaden und Divisionen einjretheilt. Biese Eintheilung, welche der Bundesrath mit Beschluss vom 27. April 1867 annahm, ist stabil, daher die Brigaden und Divisionen bei jedem Aufgebot stets wiederkehrend von denselben taktischen Einheilen niederer Ordnung formirl werden.

Aus den Infanterie-Bataillonen der Landwehr werden eventuell zur Verstärkung der Armee-Divisionen neun Brigaden zu vier Bataillonen formirl. die übrigen Truppencorps der Landwehr nach Bedarf disponirl.

Das Commando sämmllicher aufgebotenen Wehrkräfte führt der Oberbefehlshaber (General). Hiezu wird durch die Bundesversammlung ein eidgenössischer Officier gewählt; derselbe ist vom Augenblicke der Wahl zur Führung des Commando's berechtigt, respective verpflichtet.

Der Armee-Eintheilung liegt der Gedanke zu Grund, von Haus aus anl jeder Grenzfront eine Aufstellung in drei Treffen zu je drei Divisionen zu ermöglichen. Die Armee-Einlheilung kann vom Oberbefehlshaber nach Maßgabe des Bedürfnisses modificirt werden; demselben obliegt es auch zu bestimmen, inwiefern und in welcher Weise die Landwehr an den Operationen der activen Armee sich zu beiheiligen hat.

Wehrpflicht und Ersatz.

Jeder Schweizer ist wehrpflichtig. Diese Pflicht beginnt mit dem angetretenen 20. Allersjahr und endigt in der Regel mit dem vollendeten 44. Altersjahre. Die Ausnahmen und Ausschliessungen von der Wehrpflicht sind gesetzlich geordnet.

Die Wehrpflicht kann im Bundesauszug bis zum vollendeten 34., in der Bundesreserve bis zum vollendeten 40. Allersjahre ausgedehnt werden.

Gewehrwesen.

Bis zum Jahre 1859 bestanden in der Schweiz nachfolgende VorderladPercussions-HandfeuerwafTen:

1. Das glatte Infanteriegewehr (Rollgewehr), Modell 1842, mit Änderungen vom Jahre 1852,

2. Das Jägergewehr, eingeführt 1856.

3. Der Stutzen, eingeführt 1851 als Waffe der Scharfschützen.
Das Normalkaliber war damals 177 Millimeters.

Mit Bundesbeschluss vom 26. Jänner 1859 wurde die Einführung gezogener Waffen auch bei der Infanterie im Princip angenommen. und die Umänderung sämmllicher Rollgewehre in gezogene nach dem System PrelazBurnand angeordnet.

Am 9. Jänner 1863 nahm der Bundesrath für alle Handfeuerwaffen der schweizerischen Armee ein einheitliches Normalkaliber an, und zwar von 35"" (10-5 Millimelres); die Infanterie sollte mit einem neuen kleinkalibrigen Gewehre (gezogenem Vorderlader) bewaffnet, mit der Einführung dieser Bewaffnung am 1. Jänner 1864 begonnen, und dieselbe im Jahre 1870 zu Ende geführt werden.

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