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Die Recognoscirung des Terrains als Friedens - Übung.

(Mit einem Holzschnitte.)

Einleitung.

Bekanntlich sind die wichtigsten und einflussreichsten Factoren im Kriege :

Das 'Kräfteverhältniss nach Zahl und Waffe, das Benehmen des Gegners, die Zeit und die Bodengestaltung.

In der neueren Kriegführung gewinnt aber, insbesondere in Folge der erhöhlen Waffenwirkung, die Bodengestaltung, also im Allgemeinen das Terrain, stets mehr und mehr an Einfluss und Bedeutung; es wird daher dessen möglichst genaue Kenntniss, richtige Beurtheilung und sorgfältige Ausnützung zur gebielerischen Nothwendigkeit, um den Erfolg wahrscheinlich zu machen.

Die Mittel, welche uns zu Gebote stehen, uns über die Beschaffenheit des Terrains Kenntniss zu verschaffen sind: Karten und Pläne, die auf genaue Erforschung des Bodens gegründeten Beschreibungen, der eigene Augenschein, sei es bei gründlicher Besichtigung, sei es durch den successiven Überblick im Laufe der Begebenheiten; endlich können auch einzuziehende Erkundigungen einigen Aufschluss geben.

Die richtige Beurtheilung und die zweckmässige Benälzung des Terrains ist aber Sache des geübten militärischen Blickes, des von den Franzosen mit Recht so hoch gehaltenen Coup d'oeil, – eine der wichtigsten Eigenschaften des Truppenführers, das Kriterium der echten militärischen Begabung.

Da nun das Terrain, wie alle Schöpfungen der Natur, wohl nach gewissen Systemen geschaffen, aber unendlich vielseitig in seinen Gestalten ist, so wird uns in dieser Beziehung stets Neues , oft Überraschendes entgegentreten. Nur ein gut geschulles, vielfach geübtes Auge wird sich schnell in allen Verhältnissen des Bodens zurechtfinden, dieselben richtig auffassen und ausnützen können. Überdies ist die Zeit, welche man diesem Gegenstande im Kriege widmen kann, meistens verhältnissmässig karg zugemessen; ja gerade in den wichtigsten Momenten, im Gefechte, muss oft dem Erblicken auch das Erkennen und die richtige Auffassung auf dem Fusse folgen. Häufig wird es nothwendig und von grossem Nutzen sein, wenn man im Stande ist, von dem Erblickten eine mehr oder weniger sichere Schlussfolgerung über dasjenige zu ziehen, was dem Auge verborgen ist u. s. w.

In Folge dieser Verhältnisse hat sich ein eigener Zweig des militäri schen Wissens nach und nach herangebildet, welcher, unter der Bezeichnun „Recognoscirung des Terrains“, die Geschicklichkeit, sich Kenn niss über die Beschaffenheit des Terrains zu verschaffen und diese richti zu verwerthen, umfasst, und der sich, in natürlicher Folge des wachsen den Bedarfes, langsam aber entschieden Bahn bricht und zur Anerker nung gelangt.

Erwägt man ferner, dass die Kriegführung der neuesten Zeit imme höhere Anforderungen an die geistigen Potenzen stellt, dass sich in Folg dessen bei allen europäischen Armeen ein kräftiges Streben nach grössere Intelligenz der Officiere und der Soldaten bemerkbar macht, so darf auc in der hier in Rede stehenden Richtung der nothwendige Aufschwun nicht fehlen.

Es kann sonach die bisherige, rein empirische Schulung im Friede durch Feldmanövers, wo die Aufmerksamkeit so vielfach durch anderweitig Thätigkeit und Eindrücke in Anspruch genommen wird, nicht mehr als genü gend angesehen werden; sondern es muss die Ausbildung in der Erforschung Beurtheilung und Benützung des Terrains als selbständiger Gegen stand und als Vorbereitung für die Truppenführung behandelt werden.

In richtiger Auffassung dieser Sachlage wurde dicsem Unterrichte schon seit geraumer Zeit bei der Cavallerie und Artillerie viel Aufmerksam. keit geschenkt, während bei der Infanterie dies eine mehr sporadische Erscheinung war.

Da aber die Ausbildung in diesem Gegenstande für die Infanterie, die Hauptwaffe der Armeen, nicht weniger nothwendig ist, als bei den anderen Waffengattungen, so muss es als höchst willkommen erscheinen, dass hierauf in der Instruction für Truppenschulen bezüglich der Officiere, sowie im Abrichtungs - Reglement (§. 80) bezüglich der Unterofficiere, voller Nachdruck gelegt, und selbe so zu sagen auch für die Infanterie als obligatorischer Gegenstand eingeführt wurde.

Wie gestalten sich nun die Verhältnisse, wenn wir uns nach den Lehrbehelfen umsehen, welche uns zur systematischen Durchführung dieses Unterrichtes zu Gebote stehen? Es finden sich verhältnissmässig wenige Werke vor, welche diesen Gegenstand ausführlich behandeln. In den meisten wird die Recognoscirung des Terrains nur im Anhange zur Terrain

Jehre, mit welcher allerdings eine enge Wechselbeziehung besteht, erörtert. ''Von diesen Werken liefern einige, nämlich die im Allgemeinen vorzüglichen Schriflen : Etzel's und Waldstätten's Terrainlehre, Pz (Pönitz) „Praktische Anleitung zur Recognoscirung und Beschreibung des Terrains" elc., treffliche Lehrbehelse und bieten stofflich binreichende Quellen zum Studium des Gegenstandes.

Die meisten dieser Werke wollen jedoch, ihrer ausgesprochenen Tendenz nach, den Officier als Recognoscenten, respective als Berichterstatter herangebildet wissen, welche Geschicklichkeit für den Truppen

Officier erst in zweiter Linie in Betracht kommt; die praktische Behandlung und systematische Durchführung dieses Lehrgegenstandes für den Unterricht der Truppen-Officiere und Unter-Officiere ist jedoch, wie später näher ausgeführt werden soll, von einem anderen Standpunkte zu behandeln. Ich habe daher versucht, im Nachlolgenden die mir für die rationelle Behandlung dieses Unterrichtszweiges mit Rücksicht auf die Belehrung des TruppenOfficiers und Unterofficiers zweckdienlich scheinenden Directive zusammenzustellen und hauptsächlich den hiebei zu beobachtenden praktischen Vorgang zu erörtern.

Standpunkt, Zweck. Der Standpunkt, welcher bei der Behandlung des in Rede stehenden Gegenstandes einzunehmen, sowie der Zweck, welcher dabei anzustreben ist, lässt sich durch nachfolgende kurze Betrachtung genau präcisiren.

Das Endziel aller unserer Bestrebungen muss die wahrhaft kriegsmässige Ausbildung der Individuen des Heeres sein.

Die Anforderungen der realen Wirklichkeit des Krieges sind es somit, welche die Gesetze für unsere Friedensthätigkeit vorschreiben; sie dienen uns aber auch dabei als untrügliche Wegweiser.

Die wichtigste Aufgabe des Truppenführers, sei es selbst im beschränkten Wirkungskreise des Truppen-Officiers und Unterofficiers, ist die zweckmässige Verwendung der seiner Leitung anvertrauten Truppe in allen Situationen des Krieges, somit das richtige Disponiren. Es ist dies die Kunst, bei geschickter Combination der im Kriege zum Einfluss gelangenden Factoren den Entschluss zu fassen und darnach zu handeln und zu befehlen. Von diesen Factoren ziehen wir hier nur das Terrain in Betracht.

Über die Beschaffenheit desselben gelangt der Truppen-Officier und Unter-Officier in den überwiegend meisten Fällen erst im Momente des Bedarfes, und zwar durch eigenen Augenschein zur Kenntniss. Das genaue, vollständige Sehen, wobei Nichts der Aufmerksamkeit entgeht, ist somit die erste Bedingung.

Nun muss aber das gut geschulte, geübte Auge sofort das militärisch Unwichtige von dem militärisch Wichtigen zu trennen, den Einfluss des Letzleren auf die auszuführende kriegerische Thätigkeit zu erkennen, d. h. die Terrain-Verhältnisse taktisch zu würdigen wissen.

Um endlich bündig befehlen oder berichten zu können, bedarf es einer präcisen und kurzen Ausdrucksweise der speciellen Begriffe. Um alle diese geistigen und physischen Functionen zu unterstützen, werden überdies noch andere Geschicklichkeiten nothwendig sein und gelehrt werden müssen. So viel über die Beziehungen des Officiers und Unterofficiers in seiner Eigenschaft als Truppenführer im Kriege.

Nun wird aber in Folge des Umstandes, dass die höheren TruppenCommandanten oft nicht in der Lage sind, sich persönlich die nöthigen

Kenntnisse über das Terrain zu verschaffen, die Nothwendigkeit eintreten, zu diesem Zwecke andere Kräfle, nämlich die untergebenen Officiere, in manchen Fällen (allerdings in beschränktem Masse) auch Unterofficiere, zu verwenden.

Diese müssen daher die Eignung besitzen, auch grössere Terrainstrecken,' als ihnen ihrem eigentlichen Wirkungskreise nach zukommt, militärisch, im Allgemeinen oder nach dem speciell angeordneten Zwecke, zu beurtheilen und darüber Bericht zu erstatten, wobei die bildliche Darstellung des Terrains, die Worte kürzend und ergänzend, zur Gellung kommen soll.

Aus diesen Betrachtungen resullirt sonach Folgendes:

Der erste und wichtigste Zweck der Recognoscirungs-Übungen ist die Ausbildung und Schärfung des militärischen Blickes, als Basis für die richtige Verwendung der Truppen im Terrain.

Ein ferner liegendes und, wie erwähnt, in zweiler Linie anzustrebendes Ziel hingegen ist die Ausbildung des Officiers und Unterofficiers als Recognoscent und Berichterstatter über Terrainverhältnisse.

Zicht man nun noch die weileren dabei nothwendigen Geschicklichkeiten in Betracht, so ergibt sich als Zweck des ganzen Unterrichles:

). Rasches und richtiges Sehen, Erkennen und Benennen der Bodengestaltung und der Terraingegenstände;

2. Beurtheilung des militärischen Werthes der Terrain verhältnisse, hehuls zweckmässiger Verwerthung derselben bei allen kriegerischen Thätigkeiten, als: bei der Bewegung, Aufstellung und Lagerung der Truppe, beim Sicherheits- und Nachrichten-Dienste und vor Allem im Gefechte; . 3. Schärfung der Orientirungsgabe und des Ortssinnes, d. i. der Geschicklichkeit, sich schnell nach den Wellgegenden und in der jeweiligen Situation nach der Front, Flanke und Rückseite selbst in fremden Gegenden, überhaupt oder nach erhallener Andeutung oder nach Karten zurecht zu finden;

4. Übung in der Beurtheilung der Entfernungen, in dem Abschätzen der Gradationen der Böschungen, der Wasser-Geschwindigkeit, mit Berücksichligung der bei diesen Beobachtungen erschwerend oder begünstigend wirkenden Verhältnisse;

5. Geschicklichkeit im Lesen, im Verständnisse und Verwerthen von Plänen und Karten, in der Beurtheilung der Leistungsfähigkeit derselben ;

6. Unterweisung in der Recognoscirung zu speciellen Zwecken und behufs Berichterstallung, dann in der Recognoscirung Angesichts des Feindes; Anleitung zum praktischen Vorgange hiebei;

7. Die Vervollkommnung im mündlichen und schristlichen Ausdrucke in den Berichten über ausgeführle Recognoscirungen;

8. Geschicklichkeit in der grafischen Darstellung, d. i. dem Croquiren von kleinen Terrain-Abschnitten, von Bewegungs-Linien etc.

Vorbereitung. Der Unterricht in der Recognoscirung des Terrains ist selbstverständlich hauptsächlich durch praktische Übungen im freien Felde zu betreiben. Wie aber überhaupt kein Gegenstand, welcher auf wissenschaftlicher Basis ruht, so kann auch dieser der theoretischen Vorbereitung nicht ganz entbehren.

Als solche ist vornehmlich der Unterricht in der Terrainlehre anzusehen, und zwar für den Officier wenigstens im Umfange der Terrainlehre Waldslätten's, während für den Unterofficier ein ganz kurzes Compendium derselben genügt.

Weiters hat sich die Vorbereitung mit dem Verständnisse der Planund Kartenzeichnung, namentlich aber mit jenem der österreichischen Specialund Generalkarten zu befassen; endlich muss die nothwendige technische Geschicklichkeit im Planzeichnen, soweit selbe zur Anfertigung flüchtiger Croquis erforderlich ist, beigelegt werden.

Umfang. Der Umfang, welcher diesem Unterrichte zu geben sein wird, ist sowohl durch die Wirkungs- und Dienstessphäre der zu Instruirenden, als auch durch den oben angedeuteten allgemeinen Zweck bezeichnet.

Der Officier muss schon einen bedeutenden Überblick im Terrain hesitzen, um die allgemeine Sachlage richtig erwägen und dieser gemäss die ihm speciell zufallende Aufgabe gut durchführen zu können. Auch werden an ihn weitergehende Anforderungen mit Rücksicht auf seine Thäligkeit als Führer grösserer Patrullen und Streif-Commanden, als Leiter der Marschsicherheits-Truppen, sowie bei Aufstellung der Vorposten und bei besonderen Unternehmungen gestellt werden müssen.

Aber immer wird sich strenge innerhalb der durch die Taktik vorgezeichneten Grenzen zu halten sein; in das Gebiet der Strategie fallende Combinationen werden daher ganz ausser Spiel bleiben müssen.

Hingegen ist es dringend geboten, überall möglichst in's Detail einzugehen und die grösste Gründlichkeit vorwalten zu lassen.

In dieser Beziehung kann nicht zu leicht ein „zu Viel" geleistet werden, denn man erwäge, dass im Kriege, insbesondere in dem Hauptmomente, d. i. beim Gefechte, die geistigen und moralischen Kräfte von so vielen verschiedenartigen Eindrücken bestürmt werden, dass man Einzelnheiten, die oft von grosser Wichtigkeit sind, nur allzuleicht aus dem Auge verliert. Um aber halbwegs die Grenzen für die Thätigkeit des Officiers zu kennzeichnen, so dürfte es als Grundsatz gelten, dass die Untersuchung von Terrainstrecken behufs der Bedeutung für das Gefecht im Allgemeinen nicht weiter als auf ein Gebiet, welches eventuell eine Brigade beherrschen würde, ausgedehnt werden soll. Wird aber zur Lösung specieller Aufgaben an Ort und Stelle geschritten, so hätten bezüglich der Stärke der zu supponirenden

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