Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

Sedan und Metz untergegangenen Armeen geregelt wurden, ist ein Product der Orleanistischen Zeit, das nach den Anschauungen der Franzosen der Vollkommenheit sich näherte, und das nach unserem Erachten mancher Verbesserung fähig war.

In gleicherweise trugen die giftspeienden Schriften und der Nihilismus der Herren Dumas, Hugo, Quinel, Charras etc. das Ihrige dazu bei, die Nation und Armee in hohem Grade zu corrnmpiren, den Autoritätsglauben zu vernichten, den Ungehorsam und die Aullehnung gegen Gesetz und Obrigkeit zum Princip zu erheben und die Individualität derart in den Vordergrund zu schieben, dass Jeder befehlen und regieren, und Niemand gehorchen und sich unterordnen wollte. Welche Zweifel wurden nicht in die politischen und militärischen Fähigkeiten des grossen Soldatenkaisers, dieser Legende der französischen Nation gesetzt, wie oft ward nicht dessen Genie bcslrittßn, welche monströse Anschauungen suchten nicht über seine Eigenschaften zur Geltung zu gelangen, lediglich um den Nimbus zu zerstören, welcher jenen Namen umgab! Während so Napoleon I. in Frankreich proscribirl, und an seinen mililärischen Unternehmungen zersetzende Kritik geübt wurde, ward er in Preussen begriffen, bewundert, studirt und nachgeahmt, wie der Feldzug von 1870—71 beweist.

Die von Herrn Thiers und seiner Partei von der Tribüne herab verkündeten Doctrinen über die innere und auswärtige Politik Frankreichs, welche stets in Widerspruch mit einander standen und die Duplicität dieses zweiten Talleyrand demaskirten, hatten auch einen bedeutenden Schuldanlheil an dem grossen Unglücke des Landes und der Parteiung und Factorisirung der Nation und Armee. Durch Thiers' gewandle Reden bestochen und irregeführt, wusste das Volk nicht recht, was es eigentlich wollte. Der bejahrte Staatsmann predigte den Krieg gegen Deutschland, um ihn nachher bei der Abstimmung darüber zu desavouiren und aus den Ereignissen Vortheile ziehen zu können, ohne seine Popularität dabei einzubüssen.

Nicht minder trug die Charakterschwäche Napoleon's III. zu der letzten Niederlage Frankreichs bei. Dieser während zwanzig Jahren als das allein verantwortliche Staatsoberhaupt sich gerirende Fürst besass nicht den Muth. als oberster Kriegsherr das allerdings schwere Joch des Armee-Obercommandanten nach Wörth und Spicheren auch nur vierzehn Tage lang weiter zu tragen, sondern begab sich seiner souverainen Machtvollkommenheit zu Gunsten seiner Marschälle, welche nach eigenem Belieben — Einer auf den Ruhm des Andern eifersüchtig — ohne Plan und Übereinstimmung handelten und in Führung der ihnen anvertrauten Armeen die höchste Unfähigkeil an den Tag legten. Selbst die Belnssung Leboeuf's und Lebrun's an der Spitze der Operalionsleitung hätte, falls die Befehlgebung in der Person des Kaisers concenlrirl geblieben wäre, niemals jene unheilvollen Folgen nach sich ziehen können, welche die Theilung der Streitkräfte und des Commnndos in der That herbeiführte. Die Marschälle unternahmen nämlich gerade das Entsegengesetzte von dem, was sie eigentlich halten unternehmen sollen, und was die Verhältnisse gebieterisch erheischten.

Auch das schwer zu erklärende Benehmen des Militär-Gouverneurs von Paris, des Generals Trochu, beschleunigte die Katastrophe Frankreichs, wenn sie dieselbe nicht geradezu pro vocirl hatte. Trochu scheint Palikao hauptsächlich darum beeinflusst zu haben, um schliesslich die Regenischart zu stürzen und dann die Gewalt an sich zu reissen. Dadurch gerieth aber die Staatsmaschine gerade in einem Momente, als sie am besten functioniren sollte, in Stillstand und richtete einen nicht mehr gut zu machenden Schaden an.

Es gewinnt fast den Anschein, als ob Frankreich aus einem Kriege nur dann siegreich hervorgehen könnte, wenn an der Spitze des Staates Männer von dem Genie Napoleon's I. stehen, oder wenn dessen Heere von Feldherren wie Turenne, Villars, der Marschall von Sachsen, Moreau etc. befehligt werden.

Die Triumphe Preussens sind der überdachten Slaalsklugheit, einem unausgesetzt befolgten und mit aller Consequenz durchgeführten Vergrösserungssystem, der anerzogenen sittlichen, geistigen und militärischen Überlegenheit des deutschen Volkes, der Liebe zur Dynastie, zum Vaterlande und zur Thätigkeit, welche man in erster Kindheit den Deutschen einflösste, der ausgezeichneten Staatskunst, nie ohne Allianzen in grosse Kriege sich einzulassen (1864 mit Österreich, 1866 mit Italien, 1870 mit Russland) zu verdanken. Eine junge bewaffnete Nation, geführt von intelligenten Officieren, die von Eifer erfüllt und seil langer Zeit auf den Invasionskrieg vorbereitet war, ein glühender Patriotismus und eine von einem kühnen Genius geleitete Slaatskunst erscheinen unüberwindlich.

Frankreich mag-den Tacitei'schen Wahrspruch: „Prospera omnes sibi vindicant, adversa uni imputanlur" (Glückliches eignet Jeder sich zu, Widriges wird Einem aufgebürdet) oft anwenden; Thalsache bleibt es aber, dassdie Schuld für die Niederlagen von 1870 — 71 nicht Einzelnen, sondern der Gesammtheit zur Last fällt.

Organisation, Stärke und Aufstellung der Armeen.

So rasch Österreich 1866 geschlagen wurde, so vollständig ward Frankreich im letzten Kriege niedergeworfen.

Gleiche Ursachen erzeugen last immer dieselben Wirkungen. Napoleon I. zog 1815 unvorbereitet in's Feld, um durch Überraschung den Sieg an die Fahnen Frankreichs zu heften, indem er mit 124.000 Combattanls das weit überlegene Heer Blücher's und Wellingtons von 220.000 Mann einzeln anzufallen und zu schlagen hoffte. Wäre Frankreich sechs Wochen später in den Kriegszustand übergegangen, so würden dessen Sireilkräfte die Höhe von 400.000 Mann Linientruppen und von 200.000 Mann Nationalgarden erreicht haben. Der Kaiser versprach sich aber von der Offensive Alles und setzte seinen Thron aufs Spiel, da er durch eine rasche Angriffsbewegung nach Belgien den Krieg eröffnete ').

Napoleon III. besass nicht das militärische Genie seines grossen Ohms; er kam nicht wie dieser von der Insel Elba, um die Parteien zu beruhigen und aus einem Chaos ein Heer erst zu organisiren; er kannte nicht so genau die operative Stärke und die Stellungen der feindlichen Streitmassen, wie dieser die seiner Gegner in Belgien kannte, um Calcule und Combinalionen darauf zu gründen, und dennoch versuchte er dasselbe gewagte Spiel und stürzte sich blindlings in einen der grössten und furchtbarsten Kriege des 19. Jahrhunderts mit einer um V, schwächeren Streitmacht und ohne alle Vorbereitungen. Blieb dem Kaiser der Franzosen seit 1866 nicht die hinlängliche Zeit übrig, für den Feldzug von 1870—71 gehörig zu rüsten? ignorirte er etwa die Wunder der Eisenbahnen und der Telegraphen, welche die Aufstellung und Verschiebung von Massen so sehr begünstigen? erinnerteer sich nicht mehr daran, welchen umfassenden Gebrauch die Franzosen 1859 und die Österreicher und Preussen 1866 davon gemacht hatten? kannte er nicht genau die Organisation und Stärke der nord- und süddeutschen Streitkräfte, über welche Hunderle von Büchern und Nachweisen circulirten, wie anderseits die Militärkräfte Frankreichs, um Vergleiche anzustellen und die Chancen für den Ausgang des Riesenkampfes abzuwägen?

Nein: — dem sonst klugen und bedächtigen Kaiser schienen alle dies« Verhältnisse entgangen zu sem, denn sonst würde er nicht eine neue Auflage von Waterloo an Sedan und Metz erlebt haben. Beide Kaiser hallen einen glücklichen Tag: Napoleon I. bei Ligny, wo sein Genie den Sieg erstritt, — Napoleon III. bei Rezonville (16. August), wo er zwar nicht commandirte, da er einen Tag zuvor seine schöne und tapfere Armee im Stiche liess, um sich an eine andere, der von Metz in jeder Beziehung weit nachstehenden Armee (Chälons) als Volontär anzuschliessen und mit ihr nachher kriegsgefangen zu werden.

Wie Napoleon III. über den Krieg und den Feldzugsplan dachte, geht aus einer unter seinen Auspizien herausgegebenen Schrift') hervor, der wir folgende Auszüge entlehnen:

„Der Kaiser wussle, dass Preussen in kurzer Zeit 900.000 Mann mobil machen konnte und mit Beihilfe der Südstaaten 1,100.000 Mann, denen Frankreich nur 600.000 Mann entgegenstellen konnte. Und da die Zahl der Streitbaren niemals mehr als die Hälfte des Effectivstandes enthält, so war Deutschland bereit, 550.000 Mann auf das Schlachtfeld zu führen, während Frankreich nur ungefähr 300.000 Mann halte, um dem Feinde entgegenzutreten.u

') Siehe: „L'bistoire du Consulat et de l'Empire" par Thiers. •) Campague de 1870. Des causea qui ont amene la capitulation de Sedan. Par an offioier attache1 ä l'etat-major gene'ral.

„Dm diese numerische Überlegenheit auszugleichen, halten die Franzosen durch eine äusserst schnelle Bewegung den Rhein überschreiten, Süddeotschland vom Nordbund trennen und durch den Eclat eines ersten Erfolges Österreich und Italien sich zu Verbündeten machen müssen."

„Wenn es gelang, die Verbindung der süddeutschen Armeen mit den norddeutschen zu verhindern, so war die preussische Armee um 200.000 Mann schwächer, und so dasMissverhällniss in der Zahl der Streitbaren vermindert. Wenn Österreich und Italien gemeinschaftliche Sache mit Frankreich machten, so stellte sich die Überlegenheit der Zahl zu dessen Gunsten kraus."

„Der Feldzugsplan des Kaisers, welchen dieser in Paris nur den Marschällen Mac Mahon und Leboeul anvertraute, bestand dajin, 150.000 Mann raMetz, 100.000 Mann in Strassburg und 50.000 Mann im Lager von Ctalons zu vereinigen."

„Die Concentration der beiden ersten Armeen, — die eine an der Saar, !ie andere am Rhein —enthüllte keineswegs den Kriegsplan, denn der Feind Wieb in Ungewissheit, ob der Angriff gegen die Rhein-Provinzen oder das 'irossherzogthum Baden unternommen weiden würde."

„Sobald diese Massen an den bezeichneten Punkten Concentrin gewöhn wären, wollte der Kaiser die Armeen von Strassburg und Metz vereinigen, an der Spitze von 250.000 Mann Streitbaren den Rhein bei Maxau überschreiten und Rastatt rechts, sowie Germersheim links liegen lassen. Einmal jenseits (am rechten Ufer) des Rheins, hätte er die Südstaaten gezwungen, ihre Neutralität zu bewahren und wäre den Preussen entgegengerückt. Während diese Bewegung sich vollzog, sollten die 50.000 Mann, welche -'ich im Lager von Chälons unter dem Befehle des Marschalls Canrobert gebammelt hallen, ihren Marsch auf Metz richten, um den Rücken der Ajmee m decken und die nordwestliche Grenze zu bewachen. Die zu gleicher Zeil im baliischen Meere kreuzende französische Flotte hätte im Norden Preussens einen Theil der feindlichen Streitmacht zur Verteidigung der mit einer Aus«hiffung bedrohten Küsten zurückgehalten und immobil gemacht."

„Dieser Plan hatte nur dann eine Möglichkeit des Erfolges, wenn der Feind an Geschwindigkeit überflügelt wurde. Zu diesem Zwecke musste man "i wenigen Tagen auf bestimmten Punkten nicht allein die gegebene Anzahl üoMaien versammeln, sondern auch das nothwendige Kriegsmaterial, wie ^agen, Train, Arlillerieparks, Ponlons, Kanonenschaluppen, um den ÜberKaD6 über den Rhein zu schützen, endlich die unablässige Verproviantirung mit Schiffszwieback, um eine zahlreiche Armee zu ernähren, welche vereint marschirt."

„Der Kaiser schmeichelte sich, dieses Resultat erreichen zu können, Md das war sein Irrthum, da alle Welt in der Illusion lebte, dass eine tonceniraüon von so viel Menschen, Pferden und Kriegsmaterial durch die Eisenbahnen mit der notwendigen Ordnung und Präcision geschehen könne, ohne dass Alles schon lange im Voraus von einer vorsorgenden Verwaltung regulirl worden sei."

„Die Hauptursnche unserer Verzögerung lag in den Fehlern der militärischen Organisation Frankreichs, wie dieselbe seit 50 Jahren schon exislirl, und die sich von den ersten Augenblicken an schon zeigten etc."

„Als der Kaiser am 28. Juli in Metz ankam, begann er zu fürchten, dass unüberwindliche Hindernisse alle seine Pläne vereiteln würden."

„Anstatt 150.000 Mann zählte die Armee von Metz nur 100.000 Mann, die Armee von Sirassburg 40.000 Mann anstatt 100.000 Mann, und das Corps des Marschalls Canrobert hatte noch eine Division in Paris und eine andere in Soissons; seine Artillerie sowie seine Cavallerie waren gleichfalls noch nicht feldbereit. Mehr noch: keine einzige der Armeen war vollständig mit denjenigen Gegenständen ausgerüstet, welche nolhwendig sind, um die Operationen zu eröffnen etc."

Die kriegführenden Mächte stellten folgende Streitkräfte auf:

Franzosen:

1. Armee-Corps Marschall Mac Mahon 52 Bat. 28 Esc. 17 Bali. = 102 G.

Divis.-General Frossard 39 „ 16 „ 15 = 90 „

Marschall Bazaine ... 52 „ 16 „ 20 — 120 „

Div.-General Ladmirault 39 „ 16 „ 15 „ = 90 „

Div.-General de Failly 39 „ 16 „ 15 = 90

Marschall Canrobert . . 49 „ 24 „ 20 „ = 120 „

Div.-General Douay . . 38 „ 20 „ 15 „ =90

Garde-Corps: Div.-General Bourbaki . 24 „ 24 „ 12 „ = 72 „

1. Rqs.-Cuv.-Dir.: Div.-General Barail — „ 16 „ 2 „ = 12 „

2. „ Div.-Gen. Bonnemains — „ 16 „ 2 „ = 12 „

3. „ Div.-General Forion . — „ 16 „ 2 „ = 12 „ Allgemeine Artillerie-Reserve der Armee

General Canu . . — „ — „ 16 „ == 96 „

Zusammen 332 Bat. 208 Esc. 151 Bali. = 906 G,

Die französische Operationsarmee war also aus acht Armee-Corps und drei Reserve-Cavallerie-Divisionen zusammengesetzt. Jedes Armee-Corps zählte vier oder drei Infanierie-Divisionen zu zwei Brigaden ä sechs oder sieben, gleich zwölf und dreizehn Bataillons, worunter ein Jäger-Bataillon (die von Marschällen befehligten Corps hallen vier, die von Divisions-Generalen commandirten Corps zwei Infanterie-Divisionen), drei Batterien, wovon , eine Milrailleusen-Batterie, ferner eine Cavallerie-Division zu zwei oder drei Brigaden ä zwei Regimenter von vier Escadrons, endlich eine Corps-Artillerie-Reserve zu sechs oder acht Batterien. Jeder Infanterie-Division war eine Genie-Compagnie, jedem Armee-Corps zwei Genie-Compagnien als Reserve beigegeben. Unter den 151 Batterien der Armee befanden sich

[table]
[ocr errors]
[ocr errors]
« ZurückWeiter »