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Der Krieg 187071. Skizze der Kriegsoperationen bis zum 18. August

und

Die Schlacht bei Gravelotte (Amanvillers).

(Mit einem Schlachtplane Tafel Nr. 7.)

Einleitung. Die Zeit ist noch nicht gekommen, die Geschichte des deutsch-französischen Krieges von 1870–71 in ihrem vollen Umfange zu schreiben, weil weder die Acten von beiden Seiten geschlossen und spruchreif geworden, noch der Zusammenhang der Ereignisse und Operationen hinlänglich aufgeklärt und bekannt ist. Dennoch lassen sich aus dem bisher veröffentlichten Geschichtsmaterial jetzt schon Episoden und Einzelhandlungen zum Gegenstande von Darstellungen machen, welche das gewaltige Ringen zweier mächtigen und gleich tapfern Armeen beleuchten.

In dem Kriege von 1870–71 nimmt die Schlacht bei Gravelotte, wie sie die Deutschen nennen, oder bei Amanvillers, wie sie von den Franzosen benannt wird, sowohl in strategischer als taktischer Beziehung die erste Stelle ein. Überhaupt ist dieser blutige Zusammenstoss, in welchem 400,000 Mann sich gegenseitig den Sieg bestritten, einer der gewaltigsten und blutigsten Waffenkämpfe des Jahrhunderts gewesen, sowohl in Anbetracht der daran betheiligten Massen, als der dabei erlittenen Verluste, welche auf deutscher Seile fast das Doppelte von jenen betragen, welche sie bei Königgrätz hatten. Nach der bei Gravelotte gegebenen Hauptentscheidung, die eine Wendung der Geschicke im Grossen in sich schloss, da sie sich zwei Monate später in eine beispiellose Katastrophe verwandelte, war Frankreich militärisch so gut wie niedergeworfen.

Fast die ganze Armee mit Ausnahme der von Mac Mahon aus dem Blutbade von Wörth nach Châlons gerelleten Trümmer wurde nach der Action vom 18. August in dem verschanzten Lager von Metz eingeschlossen und gieng hiedurch für die Vertheidigung des vaterländischen Bodens verloren. Alle Formationen, die Frankreich seit Gravelotte aufbrachte und in's Feld stellte, waren nur unförmliche Hoer-Haufen, dann lose und unfertige Gebilde ohne moralische Cohäsion. Die bei Metz festgebannte und in der Folge zur Waffenstreckung gezwungene Rheinarmee bildete allein den Kern und Crystallisationspunkt des militärischen Frankreich, während die andern, aus Recruten, Invaliden und Marinesoldaten zusammengesotzten Heere Österr. militär. Zeitschrift. 1871. (1. Bd.)

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Improvisationen und durch die Natur der Verhältnisse aufgedrungene Noth wendigkeiten darstellten.

Dies begriff denn auch ganz Frankreich so gut, dass es ohne lang Besinnung und viele Umschweise ein Heer – die Armee von Châlons einsetzte und sich kopfüber in den Kampf stürzte, um die bei Metz blokirtei Streitkräfte zu befreien. Als endlich die Mac Mahon'sche Armee in dem Schiff bruche bei Sedan unlergieng, stand das Land wehrlos und ohnmächtig da, den Feinde auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Was nach der Katastrophe voi Sedan und der Capitulation von Metz in Aufbringung der Streitmiltel, Wehr haftmachung des Volkes und Verstärkung der Widerstandskraft unternommen und geleistet wurde, trägt das Gepräge der Unfertigkeit und zeigt die Kraftversuche abweichender Willensäusserungen. Das Ausflackern des Patriotismus, das Aufraffen des Landes und der Appell an die revolutionären Leidenschaften, wie es die längst erloschenen und der Vergessenheit verfallenen Traditionen wollten, entbehrten aller Nachhaltigkeit und wurden nur von Wenigen beachtet; es war mit Einem Worte eine letzlé verzweifelte Kraftanstrengung, die von Führern ausgegangen, von den Massen weder begriffen noch getheilt war und daher ohne Energie, Halt, Plan und Ziel verlief. Selbst Trochu's improvisirte Vertheidigung von Paris war eine Episode in dem zweiten Acte des grossen Dramas, ein Wechsel der Decoration, hinter dem sich das Haschen nach Popularität und das vergebliche Ringen nach Unsterblichkeil verbarg; aber sie war nicht der Ausfluss einer Überzeugung, dass damit dem unabwendbaren Verhängniss Einhalt geboten, oder dass dasselbe gar gemeistert werden würde. Die von der Regierung der Landesvertheidigung für die Fortsetzung des Krieges künstlich erzeugle und genährle Begeisterung des Landes führte aus dem Grunde zu keinem Erfolge, weil mit der Entwaffnung und Gefangennehmung der Armeen von Sedan und Metz das militärische Frankreich abdicirte und zu Grunde gieng, und das bürgerliche an dessen Stelle die Zügel der Gewalt ergriff. Das Kaiserreich kämpfte den Krieg bis Sedan, die Republik von Sedan bis zur Capitulation von Paris und zum Übertritt der Armee Bourbaki's in die Schweiz.

Ursachen der französischen Niederlagen.

So lange keine hinlänglich genaue und vollständige Kenntniss der Siluation vorliegt, um sich über dieselbe mil völliger Klarheit anssprechen zu können, so lange kann auch darüber kein richtiges Urtheil gefällt werden. Aus zufälligen Umständen zusammengetragene Deductionen, die einen Rechtfertigungsgrund für eine bestimmte Tendenz bieten sollen, erweisen sich in gleichem Grade verführerisch und gefährlich. Das Gesetzbuch, nach welchem die Weltgeschichte als Weltgericht die grossen Rechtsstreite der Völker und Reiche endgillig entscheidet, liegt nirgends in leicht anwendbaren, casuistischen Formen niedergeschrieben. Wir stehen noch zu sehr unter dem ver

nichtenden Schlage der welterschüllernden Ereignisse, als dass wir den richtigen Massstab zur Beurtheilung des Krieges und seines unheilvollen Ausganges für Fraukreich jelzl schon gewinnen könnten. Dennoch lassen sich die Niederlagen der französischen Heere auf einige Ursachen zurückführen, die Niemanden verborgen blieben, weil sie eben allgemein waren.

Seit der ersten Republik nahmen die Zersplitlerung, die Auflösung aller Gedankenbande, der Particularismus, das Erlöschen alles Gemeingeistes ele. in Frankreich so sehr überhand, dass der moralische Tod des Volkes sich eine stellen musste. Der Cullus der maleriellen Interessen, des Eigennutzes, des Geldes prädominirte aller Orten und bereitete den Zustand von 1870–71 vor. Nur in der Armee gab es noch ein gewaltiges Nationalbewusstsein. Unter die Fahnen und Adler hallen sich jene Hochgefühle hingeflüchlet, die der regierende Industrialismus und Börsialismus vertrieb und verhöhnte; dort blühte noch die genügsame Bürgertugend, die unerschrockene Liebe für Grossthat und Ehre, die der Entflammung lähige Begeisterung; dort war allein ein angewohnler Gehorsam für die Autorität und damit eine bewaffnete Einbeit zu finden, während sonst überall Zwielracht und Fäulniss herrschte. Bei dem eclatanten Sieg des nüchternsten und härtesten Geldmaterialismus in Frankreich musste das Land ohne die Armee wehr- und schulzlos bleiben und eine Beute der Leidenschalten und Umtriebe werden. Hierin beruht die Hauptursache der neuesten deutschen Siege und der französischen Niederlagen.

In Frankreich beschäftigten das Staatsoberhaupt vorzugsweise die Staatsgeschäfte. Die Wiederherstellung der tief erschütterten Aulorilät des Slaales, die Zurückführung zur Achtung vor dem Gesetze, die Sicherung des öffentlichen Rechtszustandes gegen eine Anarchie, welche die öffentlichen Verhältnisse ergriffen halle, und gegen einen Trotz und eine Auflehnung, welche die Sicherheit des Staates bedrohte etc., absorbirle die ganze Thätigkeit des obersten Trägers der Gewall und liess ihm wenig Zeit übrig, sich den Armeeund Kriegsangelegenheiten besonders zu widmen. Die Napoleon'schen Prinzen trieben Politik, strebten nach oratorischem und parlamentarischem Ruhm und entfremdeten sich hiedurch der Armee gänzlich. Es blieben also nur die Generale übrig, welche Beruf, Stellung und Pflicht mit der bewaffneten Macht innig verband, und unter diesen war es insbesondere der Kriegsminister, welcher fast die Machtvollkommenheit des obersten Kriegsherrn in seiner Person vereinigte, von dessen Wahl das Wohl und Wehe des Heeres und damit des Staates abhieng. So wurde thatsächlich die französische Armee seit Jahren viel mehr nach den vom gesetzgebenden Körper votirten Budgetsummen und den daran geknüpften Anträgen administrirt, als sie in der eigentlichen Bedeutung des Wortes befehligt ward.

In Preussen fand ein Entgegengesetzles Statt. Der König überliess die Leilung der Staatsangelegenheiten den verantwortlichen Räthen der Krone und widmete sich fast ausschliesslich den Bedürfnissen und Inleressen des Heeres, um daraus ein tüchtiges und solides Instrument für die preussi

olitik beis

sich unter und Er. Samkeit s

sche Politik zu schaffen. Dies Beispiel wirkte auf die Prinzen des königlichen Hauses dermassen bestimmend, dass sie die Politik bei Seite schoben und dafür der Armee ihre ganze Aufmerksamkeit schenkten. Selbst der Kronprinz von Preussen, dessen Natur und Erziehung das Soldatenhandwerk nicht ganz zusagte, bildete sich unter ausgezeichneter Leitung zu einem bedeutenden Heerführer aus. Es ist kein kleiner Stolz für Soldaten, sagen zu können, der Schild des Kriegers sei die Wiege des Fürsten gewesen. Ein jedes gebildete und dabei kräftige Volk wird es stets als eine besondere Gunst des Schicksals betrachten, wenn sein Herr und Fürst, wenn seine Prinzen zugleich Feldherren sind. Und dies war in Preussen der Fall, - in Frankreich es nicht.

Preussen besteht aus einer kriegerischen oder Soldaten-Nation, in die das militärische Bewusstsein tiel eingedrungen ist, weil es jedem Einzelnen anerzogen wurde; Frankreich dagegen wird von verweichlichten, ruhigen und friedliebenden Bürgern bewohnt, denen allgemeine Wehrpflicht und Militärleben gleich verhasst sind. Das Volk zahlte lieber ungeheuere Militārbudgets, um ein Söldnerheer zu unterhalten, als sich der ausnahmslosen Diensipflicht zu unterziehen. Die Preussen besassen ein königliches Heer, welches befehligt wurde, die Franzosen ein kriegsministerielles oder parlamentarisches Heer, welches nur administrirt ward. So wurde in dem einen Staate die Militärisirung des Volkes, in dem anderen die Casernirung des Landes zum Grundsatz erhoben; in Preussen wurden die militärischen Interessen den bürgerlichen vorgesetzt, in Frankreich nahmen letztere die ersteren in's Schlepptau. Dennoch schlug sich die reguläre französische Armee bei jeder Gelegenheit mit einer ausserordentlichen Bravour und Ausdauer.

Ein bedeutender Theil der Mitschuld an den letzten Unglücksfällen, welche die französischen Waffen ereilt, trifft die von den Kammern unter dem Bürgerkönigthum eingeführten militärischen Institutionen. Obwohl die Feldzüge in der Krim, in Italien und Mexico die Unverträglichkeit mancher militärischen Einrichtungen mit der Natur des Krieges dargelegt und bis zur Evidenz nachgewiesen hatten, dass ein blos administrirtes Heer im Ernstfalle den Keim der Niederlage in sich trage, so vermochte Nichts diese widerspruchsvolle Lage zu verbessern und die Kammern zu bewegen, von ihrer alten Vertrauensseligkeit in etwas abzulassen. Man denke nur an die Debatten über die allgemeine Wehrpflicht, als zu der ursprünglichen Gesetzvorlage der Regierung über 100 Amendements ein- und durchgebracht wurden, bis endlich das einzig richtige Princip der ausschliesslichen Dienstpflicht fast gänzlich verwischt war, und auf das Heeresergänzungsgesetz von 1831 zurückgefallen wurde. Mit welcher Leidenschaft wurden nicht die auf die Recrutirung bezüglichen Vorschläge des Ministers bekämpft und in's Lächerliche gezogen? Das Institut der mobilen Nationalgarde zeigte sich bald als Fiction. Die Stellvertretung, diese offene Wunde der französischen Armee, wurde beibehalten, den besitzenden Classen zu Gefallen sogar erweitert, und Jedermann begriff, dass die französische Nation, entnervt durch das Wohl

leben, verweichlicht durch den Luxus, geschwächt durch politische Streitigkeiten, gelähmt durch eine mechanische Centralisation, eine Beule der Nachbarn werden würde. Der militärische Geist hatte sich verloren. Man rufe sich weiter in's Gedächtniss die in den letzten Jahren von Seite der republikanischen und anderer Oppositionsparteien gegen den Bestand der Armee gehaltenen Reden, eingefädelten Machinationen und erhobenen Einwürfe, das systematische Unter wühlen der Disciplin in den Journalen, das Untergraben des Gemeingeistes, die Abstimmungen des Heeres etc., und man wird Vieles begreiflich finden, was neuester Zeit vorfiel, was früher unmöglich schien und bisher unerhört blieb.

Alle militärischen Institutionen des ersten Kaiserreichs, welche den Ruhm und die Grösse Frankreichs begründeten, wurden in den folgenden zwanzig Jahren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, um keine Spur in der Armee von dem grossen Corsen zu lassen.

Die Restauralion und das Bürgerkönigthum fristeten ihr Dasein unter dem Schutze der Napoleon'schen Veleranen und wussten sich hiedurch vor den Anschlägen des kriegsmüden Europa sicher. Die St. Cyr's, Marmont's, Soult's, Bugeaud's etc. waren als Heerführer hinlänglich gekannt, als dass eine oder die andere Macht das Bedürfniss empfand, mit Frankreich ohne Weiteres anzubinden und sich in den Krieg zu stürzen. Dagegen blieb es dem zweiten Kaiserreich vorbehalten, seine Existenz der unter der Restaurationsund Juni-Regierung erzogenen und grossgewordenen militärischen Generalion anzuvertrauen und seine Schlachten mit den aus dieser Schule hervorgegangenen Generalen zu schlagen.

Die meisten Heerführer, welche in dem kaum beendigten Kriege eine so verhängnissvolle Rolle spielten und eine so wenig beneidenswerthe Berühmtheit erlangten, thaten sich unter den Orleans in Africa zuerst hervor und legten dort das Fundament zu ihrem nachherigen Rang, wie die Prüfung für ihre Befähigung zur höhern Truppenführung ab. Changarnier, Mac Mahon, Bazaine, Trochu elc. repräsentirten die Coryphäen des in Africa gebildeten Heeres. Der französische Generalstab, der im Laufe des Krieges seinen Platz so schlecht ausfüllte ), bei gar keiner Gelegenheit seine Bestimmung begriff und seiner Aufgabe entsprach, ist eine Schöpfung der Orleanistischen Regierungsepoche, welche die nachherigen Marschälle und DivisionsGenerale um keinen Preis verbessern wollten, weil sie dieser Institution ihre Carrière und Stellung verdankten, und weil sie in der eigenen Individualität den Massstab zur Beurtheilung derselben zu finden glaubten. Die militärische Generation Napoleon's III. wird erst in zwanzig Jahren zur Führung des Heeres berufen werden, und dann kann sich erst zeigen, wie sie entspricht, und was sie zu leisten vermag.

Das Avancementsgesetz, nach welchem die Rangsverhältnisse der bei

Militär

4) Siehe hierüber den Bericht des Obersten Stoffel, französischen Attaché's in Berlin, an seine Regierung.

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