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Stiegen und gepflasterten Strassen, der gänzliche Mangel an bombensichern Unterkünften für die Besatzung etc. gaben einige Hoffnung auf Erfolg. Während nun die Vorbereitungen hierzu getroffen wurden, beunruhigte man die Stadt durch Feldgeschütze, welche hinter Ortschaften oder im Terrain gedeckt aufgestellt, ihre Plätze häufig wechselnd, die Stadt aus grösserer Entfernung bewarfen, ohne dass man das Feuer erwidern konnte, eben weil man die Geschütze nicht sah. Die Strassburger nannten diese Geschütze „fliegende Batterien“. Durch diese Beschiessung erhielten die Bewohner einen kleinen Vorgeschmack vom Bombardement. Gleich die ersten Granaten forderten von der Einwohnerschaft ihre Opfer. Grösser als diese aber war der Schrecken, als die Leute sahen, dass man nicht auf die Festungswerke, sondern auf ihre friedlichen Wohnräume die Schüsse richtete. Die erste Beschiessung am 14. währte nur von % 12 bis 12 Uhr Nachts. Viele Häuser wurden, wenn auch unerheblich, beschädigt und dadurch für die Einwohner das Signal gegeben, sich in die Keller zu flüchten und nun für lange Zeit diese feuchten und dumpfigen Wohnräume nicht zu verlassen. Am 14. Abends wurde von einem aus allen drei Waffen bestehenden Detachement der Besatzung eine Recognoscirung gegen die Ruprechts-Au unternommen, welche ohne weiteres Resultat verlief. Nach einigen Flintenschüssen, die Niemanden Schaden zufügten, kehrte man wieder heim. Als Antwort darauf sprengten die Badenser am Tage nachher die gegen die erwähnte Au führende Brücke. Am 15. wurde noch Vieh in die Festung getrieben, und kamen Bauern der Umgebung auf den Markt. Am 16. wurde ein grösserer Ausfall, oder wie es die Strassburger nannten, eine Recognoscirung gegen Ostwald unternommen, der mit Verlust von 3 Kanonen, 11 Gefangenen, 20 Todten und bei 50 Verwundeten, worunter der Commandant des Pontonnier-Regiments Oberst Fiévet, der bald darauf starb, zurückgeschlagen wurde. Die Ursache des Missgeschicks wird der schlechten Leitung, dann dem mindern Verhalten der Cavallerie und der Versprengten von Wörth zugeschrieben. Die Badenser hatten nur einige Todte und Verwundete. Die Deutschen haben an diesem Tage überhaupt nur 7 Mann verloren. Am 17. wurde um 3 Uhr Früh abermals ein kleiner Ausfall, und zwar von einer Compagnie gegen die Ruprechts-Au unternommen, um die Bewohner der dort befindlichen Häuser, insbesondere des Klosters „zum guten Hirten“, welche den Ausschuss der Festung hinderten, zum Verlassen derselben zu bewegen. Man bestand bei dieser Gelegenheit ein kleines Geplänkel und hatte 7 Verwundete. Nachdem die Colonne zurückgekehrt war, wurde von der Citadelle aus, und zwar zugleich als Übung für die Mobilgarde-Artillerie, welche an diesem Tage die ersten Schüsse machte, das Kloster beschossen; die Geschosse aber durchlöcherten wohl die Mauern, allein zerstörten sie nicht, bis endlich ein ausgebrochener Brand das Zerstörungswerk vornahm. Am 18. wurde in derselben Absicht, nämlich zur Zerstörung der den Ausschuss hindernden Häuser, ein Ausfall nach Schiltigheim unternommen und unter fortwährendem Geplänkel die Brauerei und viele andere Häuser in Brand gesteckt, dabei auch zeitweilig der St. Helenen-Friedhof besetzt. Man hatte bei dieser Gelegenheit 2 Todte und 27 Verwundete. Am 18. August Abends – bis zu dieser Stunde hatte seit dem 15. das feindliche Feuer geschwiegen – am Napoleonstage um 9 Uhr wurde es plötzlich wieder eröffnet, aber diesmal mit grösserer Intensität. Es währte die ganze Nacht, tödtete viele Einwohner und äscherte manche Häuser ein. General Uhrich glaubte diese Beschiessung, welche einzig die Privathäuser zum Ziel hatte, durch eine Zerstörung der badischen Stadt Kehl beantworten zu sollen, um durch praktischen Hinweis auf die Möglichkeit, seinerseits Repressalien zu üben, die Belagerer zu einem andern Verhalten zu zwingen. Uhrich täuschte sich hierin. Am 19. erhielt er von General Werder ein Schreiben, worin, darauf bezüglich, folgende Stelle vorkam: „Eine solche Kriegführung, die unter civilisirten Nationen unerhört ist, muss mich veranlassen, Sie für die Folgen dieses Actes persönlich verantwortlich zu machen. Ausserdem lasse ich die verursachten Schäden abschätzen und durch Contribution im Elsass Ersatz suchen.“ Nachdem am 21. die Tête des Belagerungsparkes eingetroffen war, wurden sogleich schwere Geschütze in die Batterie gestellt, und in der Nacht des 23. begann das eigentliche Bombardement der Stadt aus 40 preussischen, 32 badischen (von Kehl aus) Festungs- und vielen Feldgeschützen, welches fast ohne Unterbrechung den 24., 25., 26. und 27. währte, zu fortwährenden Bränden Anlass gab und Hunderte von Häusern zerstörte. Das Bombardement begann eigentlich immer erst Abends und liess gegen Morgen an Heftigkeit nach. Die preussischen Batterien waren 3500 Schritte, die badischen, 4500 Schritte vom Mittelpunkte der Stadt, dem Münster, und 1500 Schritte von den nächsten Festungswerken entfernt aufgestellt. Und das Feuer der – wie Uhrich sagte –400 Kanonen konnte nicht einen Augenblick das Feuer von 72 zum Schweigen bringen. „Welch' fürchterliche Nacht,“ – begannen jeden Tag die „Strassburger Blätter“, die nicht Zeit und Raum hatten die Opfer, die Schäden, die Ruinen sämmtlich aufzuzeichnen. „Welchen Zweck kann der Angreifer haben“ – so schrieb der durch ruhige und patriotische Haltung ausgezeichnete „Impartial du Rhin“ – „wenn er unser Privat-Eigenthum und die bürgerliche Bevölkerung beschädigt? Bilden sie sich ein, dass die Stadt sich ergeben werde, wenn sie das Privat-Eigenthum verheeren, Weiber und Kinder morden? Es ist dies eine seltsame Täuschung! – wie es vortrefflich der commandirende General sagte: Strassburg wird sich nicht ergeben, so lange ein Soldat, eine Patrone, ein Zwieback in seinen Mauern ist!“

Von diesem Tage an folgte Brand auf Brand, die Flamme erlosch nie, und noch viele Tage nach der Übergabe glomm und rauchte es aus den Trümmerhaufen der Stein-Vorstadt hervor.

Das Löschwesen war wohl vorzüglich organisirt. Die Bürger unterhielten in allen Stadttheilen Feuerwachen, und mit heroischer Aufopferung trachteten sie, der Flammen Herr zu werden. Allein mit dem Momente als die Flammen emporzüngelten, concentrirten sich auch die feindlichen Kugeln auf die Brandstätte, und über 26 Pompiers, jener wackern Männer, die ihr Leben einsetzten, um die Habe der Nebenmenschen zu retten, fielen als Opfer ihrer Bestrebungen, – eine Beute der Flammen oder der Geschosse. Viele wurden verwundet und beschädigt.

In jedem Viertel war eine Feuerwache organisirt. Diese hatte stets 15 Mann auf der Wache; davon patrullirten drei des Nachts durch die Gassen. Sowie ein Brand bemerkt wurde, weckte Einer die bedrohten Bewohner, der Andere holte die Pompiers, und der Dritte die übrigen 12 Mann der Feuerwache zur sofortigen Hilfeleistung.

Auch in anderer Weise zeigte es sich, dass der Mensch zur Zeit des allgemeinen Unglückes häufiger die schönere Seite hervorkehrt. Die Mildthätigkeit der Commune und die durch Sammlungen eingegangenen Summen genügten, um sieben Volksküchen zu etabliren, die täglich Tausende unentgeldlich speisten. Jeder hatte, ohne erst den Beweis seiner Armuth liefern zu müssen, dreimal des Tages freien Tisch, und, wenn auch unter einer unheimlichen Tafelmusik, Jeder konnte sich satt essen. Die Strassburger Bürger können mit Stolz sagen: „In der Zeit des furchtbarsten Elends hat in unserer Stadt Ke in er gehungert.“ Und als lange schon die Gegner die Stadt besetzt hatten, waren die Volksküchen noch der Lebensnerv der Erwerb- und Habelosen !

Die Zahl der Obdachlosen und der Beschädigten oder Ruinirten wuchs von Tag zu Tag, – man zählte deren schon 800 Familien, – da endlich erschien ein Mauer-Anschlag, welcher anzeigte, dass man bombensichere Unterkünfte an den inneren Wallböschungen erbaut habe und sie den Bedürftigen zur Benützung übergebe, – dass man gleichzeitig die Bewohner auffordere, zu deren Erbauung beizutragen, indem man die nöthigen Directiven gab und Holz zur Verfügung stellte. Unter dem feindlichen Feuer musste man nun thun, was früher ein Leichtes gewesen wäre.

Allenthalben entstanden nun an der Wallböschung diese Blindagen aus schief an die Böschungen gelehnten, mit Erde bedeckten Balken. Unter diesen höhlte man in die Erde und machte sich Lagerstellen, die mehr den Gräbern in den Katakomben glichen als wohnlichen Räumen; Andere wohnten in Schiffen, unter den Brücken!

Als man sich im Hauptquartiere des Belagerungs-Corps überzeugt hatte, dass man durch das Bombardement weder den Commandanten noch die Bevölkerung einzuschüchtern vermochte, das vorgesteckte Ziel somit nicht erreicht werden könne, ohne die Zerstörnng auf einen Grad zu erhöhen, welche die dem deutschen Reiche wieder zu gewinnende Stadt ihres Wohlstandes für viele Jahre beraube, wurde am 27. der Beschluss gefasst, das Bombardement aufzugeben und die regelmässige Belagerung zu beginnen.

Und nun wurde hauptsächlich auf die Wälle und Casernen geschossen, was jedoch die zu hoch gehenden Geschosse nicht hinderte, noch zahlreiche Gebäude in Brand zu stecken; immerhin nahm die Zahl der Opfer ab, und im Innern der Stadt war es ziemlich sicher").

Den 29., 30. und 31. verzeichneten die Strassburger eine furchtbare Kanonade, die von den Wällen aus nur schwach erwidert werden konnte. Unter dem Schutze dieses Feuers wurde in der Nacht vom 29. auf den 30. August die erste Parallele ohne Widerstand und ohne Verlust in einer Länge von 4500 Schritten ausgehoben. Sie lehnte sich links an die Inundation, rechts an Königshofen und hatte 6–800 Schritte Abstand vom Kamme des vorderen Glacis, 900–1000 vom Glacis der Aussenwerke und war 13– 1400 Schritte vom Hauptwalle, der Steinfront (11–12) entfernt. Gleichzeitig damit wurden die mittlere und die linke Communication, welche die gedeckte Verbindung mit dem rückwärts befindlichen, von der Festung nicht mehr eingesehenen Terrain vermitteln sollten, zu Stande gebracht. Beide zusammen haben über / Meile Ausdehnung, so dass in einer einzigen Nacht nahezu 1 Meile Laufgraben von 4 Fuss Tiefe ausgehoben wurde.

Die Parallele wurde sofort mit 10 Batterien besetzt, und gesellten somit zu den frühern, welche als Einleitungs-Batterien aufzufassen sind, neue 42 schwere Geschütze ihr Feuer.

Der Belagerte ersah mit Staunen bei Tagesanbruch die zu Stande gebrachte Arbeit und erkannte allem Anscheine nach, dass er sich in der Voraussetzung rücksichtlich der Angriffsfront getäuscht und jener des SteinThores wenigstens nicht am Meisten gedacht hatte.

Er wird kaum mit mehr als 20–30 Geschützen zur Antwort gekommen sein; überdies waren die Schüsse schlecht gezielt: – natürlich, es fehlte ja an Artilleristen; – das französische Geschützsystem ist auch um Vieles schlechter als das preussische. Kein Wunder, dass die Festungs-Artillerie nach wenigen Stunden schwieg und dem Gegner fast keinen Schaden zufügte.

Am folgenden Tage wurden die Laufgräben verbreitert (die Parallele bis auf 10 Fuss Sohlenbreite), in der Nacht des 31. mit zwei Approchenzügen, und zwar einem links und einem von der Mitte vorgegangen. In der Nacht vom 1. zum 2. September wurde die zweite Parallele, 3–400 Schritte von

*) Die Beilage 1 gibt eine Übersicht der Opfer des Bombardements nach den Tagen des Ablebens.

dem Glacis der Vorwerke, bei 1000 Schrille von der Hauplumfassung sammı den noch fehlenden Approchen mit fliegender Sappe ausgehoben).

Diese Arbeit sollte indessen nicht ohne Störung verlaufen.

In der Nacht vom 2. auf den 3. September unternahmen die Franzosen einen Ausfall nach zwei Richlungen, gegen die Bahnhofgebäude und die Insel Waaken, welchen sie durch helliges Gewehr- und Geschützleuer unterstützten.

Obwohl der Ausfall nicht bis zu den Arbeitern vorzudringen vermochte, trieb doch das denselben begleitende Feuer auf dem rechten Flügel die Arbeiter in die erste Parallele zurück, und nur der Energie des Hauptmanns Chevalier gelang es, die Arbeiter wieder vorzuführen.

Die Franzosen, welche gegen die Parallele vorrückten, waren vom Wersten Blots geführt und kämpften mit Bravour, machten 5 Gefangene und brachten dem Angreifer auch sonst Verluste bei. Die Verlustlislen zählen

eilens der Deutschen für den 2. September 21 Todle und 94 Verwundele aus.

Die in stockfinsterer Nacht nicht ganz entsprechend tracirten und ebenso ausgeführten Arbeiten hallen am nächsten Tage ein Unglück zur Folge.

Der zweile Approchenzug links war nämlich schlecht alignirt und führte mit der Verlängerung gegen die Feslung.

Als nun des Morgens die beiden Ingenieur-Officiere Oberstlieutenant von Gayl und Hauplmann Hertzberg an der Spitze der zur Verbreiterung der Parullele anzustellenden Arbeiter vorrücklen, wurden dieselben sammt mehreren Arbeitern durch einen und denselben Schuss getödlet.

Die zweite Parallele war, in ihrem Verlaufe durch den St. Helenenfriedhor getrennl, ebenfalls nicht entsprechend tracirt worden, und standen die Leiden Enden, welche sich im Friedhof vereinigen sollten, bei 100 Schritte aus. rinander. In den folgenden Tagen waren daher mehrere Corrigirungsarbeiten nöthig. Inzwischen war auch die Verbindung der ersten mit der zweiten Parallele im rechten Flügel zu Stande gebracht und die Gebäude von Grimmlingsbrunn als Flügel-Anlehnung des Angriffes hergerichtet und befestigt worden.

Erst in der Nacht vom 5. zum 6. September konnte die zweite Parallele tertig gestellt und nun an der Verbreiterung sowie an der Herstellung der Bunkelstufen, dann an einigen Stellen der Ausfallsstufen gearbeitet werden.

Die Länge der zweiten Parallele betrug 2300 Schrill, die Breite 12, die Title 4--5 Fuss. Die Communicationen zwischen der ersten und zweiten Parallele halten eine Länge von 3000 Schritl.

In dieser Zeit hallen auch die Vertheidiger die Angriffsfront armirt.

Die Wahl dieser Angriffsfront?) war vorauszusehen und vollkommen Berechlfertigt, denn:

Die Beschreibung der Belagerung ist theils dem „Staats-Anzeiger“, theils der Kölnischen Zeitung“, welcher offenbar von einem Fachmanne berichtet wurde, de Einzeichnungen auf Tafel 1 der Leipziger Illustrirten Zeitung“ entnommen.

Siehe Tafel 2.
Österr, militar. Zeitschrift 1871. (1. Bd.).

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