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L Allgemeine Grundbestimmungen für die Commission zur Ausarbeitung des Gesetzes über die allgemeine Wehrpflicht.

f. 1. Die Verteidigung des Vaterlandes ist die heiligste Pflicht eines jeden russischen Unterthans.

§. 2. Zur Ergänzung der Armee und der Flotte erfolgt alljährig eine allgemeine Rekrutenaushebung, welcher alle das 21. Lebensjahr hinterlegt hubenden jungen Männer unterworfen sind.

§. 3. Die Zahl der auszuhebenden Rekruten, welche alljährig in den activen Dienst zu treten haben, wird im gesetzlichen Wege in allen Gebieten desKaiserreiches und im Königreiche Polen festgestellt. Die Zahl hängt von dem ?fciehwuchse der jungen Männer ab, welche das 21. Lebensjahr erreicht haben.

Die Art der Evidenlhaltung dieses Nachwuchses, sowie der Gulschreibong desselben, hat die Commission zu bestimmen.

§. 4. Über den Eintritt in den Dienst entscheidet das Los.

Von der Einberufung sind nur solche Leute ausgeschlossen, welche wegen physischer Gebrechen für den activen Dienst als vollkommen untauglich befunden werden. Alle übrigen Jünglinge unterliegen der Losung.

§. 5. Die zeitliche Befreiung oder die Fristerstreckung rücksichtlich der Herbeiziehung zum Dienste ist äusserst beschränkt und ausschliesslich nur dort gestaltet, wo es sich um die Erhaltung der Familie, um die Sicherung der Volksbildung, sowie um die Interessen der National-Ökonomie und Industrie handelt.

Die Detailvorschriften über diese Befreiungen und Frisierstreckungen, die Art der Stellung, der Losung, sowie über die Eintheilung der Rekruten in die Armee und der Flotte unterliegen einer speciellen Gesetzesbestimmung.

Hiebei ist im Auge zu haben, dass alle für den streitbaren Dienst untauglich befundenen Individuen ihrer Dienstpflicht in solchen Ämtern und Verwendungen nachzukommen haben, welchen sie, vermöge ihrer Kenntaisse und Fähigkeiten, zum Wohle der Armee und der Flotte gewachsen sind.

§. 6. Die Stellvertretung und der Loskaul vom Kriegsdienste sind nicht gestattet.

§. 7. Die Liniendienstzeil in der Armee und Flotte beträgt 7 Jahre. Doch werden im Frieden von diesen Kategorien nur so viele Soldaten im activen Dienste bei der Armee und Flotte beibehalten, als es der normirte rriedensstand fordert. Die hieraul überflüssig gewordene Mannschaft wird tätlich beurlaubt.

§. 8. Nach Hinterlegung der 7jährigen Liniendienstzeit wird die Mannschaft zu den Reservisten der Armee und Flotte übersetzt, woselbst sie darch weitere 8 Jahre verbleibt und nur im Kriegsfalle zum Dienste einberufen werden kana Hiebei werden, wenn es nothwendig sein sollte, die Soldaten der jüngeren Altersclassen zur Completirung der activen Heerestheüe bestimmt, während die älteren Soldaten zur Bildung der Reserve

Ö*t«R. militir. ZeiUchrlfl. 1871. (1. Bd.) 8

truppen und zur Verstärkung der Festungs-Besatzungen verwendet werden. Die Reservisten der Flotte werden zur Verstärkung der Equipagen der Kriegs-Fahrzeuge oder der Küsten-Commanden verwendet.

§. 9. Um es den gebildeten Classen zu erleichtern, ihrer Dienstpflicht nachzukommen, und um der Armee eine hinlängliche Zahl an Officieren und technisch gebildeten Individuen zu sichern, ist es allen jungen Leuten gestaltet, nach einer befriedigenden allgemeinen, speciellen oder technischen Vorbildung, vom 17. Lebensjahre an in die Armee als Freiwillige auf eine kürzere Diensleadauer einzutreten.

§. 10. Nach Hinterlegung der bestimmten Präsenzzeit können die Freiwilligen entweder sich der Prüfung aus den Dienstes- und Exercir- Vorschriften unterziehen, um sodann in die Reserve übersetzt zu werden, oder aber sie legen die Officicrsprüfung nach einem eigenen Programme ab, um als Officiere in die Reserve oder in die Armee und Flotte eingereiht zu werden.

Die Prüfungsmodalitäten, sowie diePrüfungsprogratnme sind festzusetzen.

§. 11. Die in die Reserve als Mannschaft oder als Reserve-Officiere Übersetzten bleiben in derselben bis zur Erreichung des 36. Lebensjahres.

In ähnlicher Weise verbleiben auch dieausdemactiven Dienst getretenen Officiere bis zur Erreichung des 36. Lebensjahres in der Reserve.

§. 12. Die in der Reserve befindlichen Individuen sind von der Einrückung zum Dienste befreit:

a) bei einer gesetzlich nachgewiesenen Krankheit, und

b) wenn sie in Staats- oder Gesellschaftsbedienslungen stehen, welche im gesetzlichen Wege näher bezeichnet werden.

§. 13. Sowohl die Urlauber als Reservisten unterliegen den allgemeinen bürgerlichen und Civilstrafgesetzen; nur für das Nichterscheinen bei einer Einberufung zum activen Dienst, sowie für die Verletzung der directen Militärdisciplin und Dienstespflichten, gehören sie zur Militär-Jurisdiction.

§. 14. Alle wehrfähigen Individuen, welche zur activen Armee und Flotte nicht abgestellt werden, gehören im Kriegsfalle zur Reichsmiliz, welche durch ein besonderes a. h. Manifest einberufen, und hiebei die betreffenden Altersclassen näher bestimmt werden.

§. 15. Die Wehrpflicht für die Kosakenansiedlungen, für die Ansiedlungen einiger fremder Stämme im Kaiserreiche und für das Grossfürstenthum Finnland ist durch besondere Bestimmungen festgese'zl.

II. Allgemeine Grundbestimmungen für die Commission zur Reorganisation des Heeres.

§. 1. Die bewaffnete Kraft Russlands zu Lande besteht im Frieden aus Feld- und Local-Truppen.

Ausser diesen im Kriege auf den Kriegssland zu bringenden Truppen werden im Frieden Reserven gebildet.

In ausserordentlichen Fällen wird zur Verteidigung des Vaterlandes die Reichswehr oder Miliz einberufen.

§.2. Die F e I d t r u p p e n behalten ihre gegenwärtige Organisation. Im Frieden wird der Stand der Feldtruppon nach dem Ermessen der Regierang durch Beurlaubungen entweder herabgesetzt, oder aber durch Einberufung der Urlauber erhöht.

§.3. Die Localtruppen erhalten eine neue Organisation und Formationen je nach ihrer Bestimmung in folgender Weise. Im Frieden sind die Localtruppen bestimmt: aj zur Versehung des inneren Dienstes;

Ij zur Abrichtung der Rekruten und bei der Cavallerie auch zur Dressur der Remonten und

ej zur Vornahme kürzerer Übungen mit den Urlaubern und Reservisten, ?öwie zu Controlsversammhingen dieser Leute.

Im Kriege hingegen sind dieLocaltruppen bestimmt, nebst der Versehung des inneren Dienstes und der Abrichtung der Rekruten, Cadres auszuscheiden: a) zur Formirung von Reserve-Infanterie- und Fuss-ArtillerieTruppen und

b; zur Bildung von Marsch-Abiheilungen (Ergänzungs-Transporten) für alle Waffengattungen.

§.4. Die R e s e r v e t r u p p e n werden nur im Kriege mit Zuhilfenahme der Cadres formirt, welche den Localablheilungen der Infanterie und Fuss.irtillerie entnommen und durch die Einberufung der Reservisten completirt werden.

Die Reservetruppen erhalten eine doppelte Bestimmung: aj die mobilen Streitkräfte durch neu tormirle Reserve Infanterie-Regimenter und Reserve-Infanterie-Divisionen mit der entsprechenden Fusssrüüerie sammi Train und

hj die Feslungsbesatzungen, bestehend aus Reserve-Infanterie-BatailIods oder Regimentern und ausFestungs-Artillerie-Compagnien, zu verstärken. §.5. Die Marschabtheilungen als: die Marsch-Bataillons bei der Infanterie, die Marsch-Escadrons bei der Cavallerie und die MarschCommanden bei der Artillerie und bei den Genietruppen werden formirt mit Zuhilfenahme der Cadres, welche aus den Local-Ablheilungen der belreffenfen Waffengattungen ausgeschieden werden, aus jenen Urlaubern und Reservisten, die nach der Completirung der Feld-Armee bis auf den Kriegsstand übrig bleiben, und werden zur Deckung der Armceverlusle nach dem Kriegs'teater abgesendet.

§. 6. Zur schnellen und bequemen Formirung der Reserven werden

Anmerkung. Die Formirung der Reserve-Bataillons oder Regimenter bei dou L«aI-Bataillons erfolgt in der Art, das» für jedes Reserve-Bataillon als Cadre eine Compagcie vom Local-Bataillon entnommen wird. In gleicher Weise wird für jede üeKive-Batterie ein Zug aus der Local-Batterie ausgeschieden.

Die Vermehrung der Festungs-Artillerie erfolgt nach besonderen Standesnormen.

die Local-Bataillons in den Gouvernements nach Massgabe der Dichtigkeit der Bevölkerung derart dislocirt, dass wo möglich in jedem Bataillon aus den vorhandenen Reservisten alle drei Bataillons eines Reserve-Regiments vollkommen aufgestellt werden können.

Dieses Organisationssystem der Reserven ist jedoch nur im inneren, hinlänglich bevölkerten europäischen Russland vollkommen anwendbar. In jenen Gouvernements aber, welche an der Grenze liegen, dünn bevölkert sind oder zu entfernt vom europäischen Kriegslheater liegen, und in welchen eine Aulstellung von Reserve-Regimentern als unzweckmässig erscheinen würde, werden die Reservisten in Marsch-Commanden zusammengezogen und zur Complelirung der Reservekörper entsendet, welche sich in den Feslungen oder in den inneren Gouvernements befinden.

§. 7. Die zur Aufstellung der Reservekörper nach dem Kriegsstand erforderlichen Generale, Stabs- und Oberofficiere werden theils der acliven Armee, theils aber dem Reservestande entnommen.

Über Diejenigen, welche zur Formirung der Reserve-Körper, namentlich aber über Jene, welche ein Commando zu übernehmen bestimmt sind, wird eine genaue Evidenz geführt.

§. 8. Die zur Ausrüstung und Bewaffnung der Reserve-Körper erforderlichen Sorten und Waffen müssen nach dem für die Reservekörper bestimmten Stande in steter Bereitschaft, bei jenen Local-Bataillons und LocalArtillerie-Brigaden, wo jene formirt gehallen werden, oder aber in besonderen Depots aufbewahrt sein. Der Train für die etwa zu mobilisirenden ReserveKörper muss an einigen Eisenbahn-Hauplknotenpunktcn im westlichen Russland in Bereitschaft gehalten werden; hievon sind jedoch jene Fuhrwerke ausgenommen, welche die Reserve-Regimenter und die Reserve-ArtjjlerieBrigaden am Orte ihrer Formirung unbedingt bedürfen.

Ausserdem muss bestimmt werden, wie die Bekleidung und Bewaffnung der Marsch-Ablheilungen zu führen wäre.

§. 9. Bei der Verfassung der neuen Organisalionsvorschrifl für die Armee muss gleichzeitig die Durchführungs-Vorschrift derarl in Berathurfg gezogen werden, dass man im Stande wäre, die beabsichtigte Vermehrung der Streitkräfte in der kürzesten Zeit zu realisiren, ja selbst noch früher, als die Reservisten durch das neu eingeführte Rekrutirungssyslemjene Zahl erreicht haben werden, welche der neue Kriegssland der Armee fordern wird.

§.10. In gleicher Weise müssen nunmehr Vorschriften festgestellt werden, wie die beabsichtigten kürzeren Übungen beiden Localtruppen sowie die Versammlungen der Urlauber und Reservisten vorzunehmen, und endlich, auf welche Art und Weise diese Versammlungen sowohl der Bevölkerung als dem Staatsschatze am wenigsten zur Last fallen.

Anmerkung. Um die Qarden, als eine Elitetruppe, im Kriege complet «u erhalten, werden für dieselbe besondere Cadres formirt, welche für jedes Regiment und für die Garde-Schützen-Brigade ans je einem Garde-Reserve-Bataillon, und für jede Gardc-Artillerie-Brigade ans je einer Garde-Reserve-Batterie bestehen.

Der Ausfall aus Paris am 21. Deoember 18701).

(Kit einer Skizze.)

Die Hoffnung; auf einen Entsatz durch die gegen La Fere vorrückende frnnxöasche Nord-Armee scheint General Trochu veranlasst zu haben, seine Haopiiräfle bei den für den 21. angeordneten Ausfall in nördlicher und östlicher Richtung gegen das Garde- und XII. Armee-Corps zu verwenden, wahrend gleichzeitig vom Fort Valerien aus eine Scheindemonslralion gegen Uontretout und Buzenval gegen die Stellungen des V. Armee-Corps ausgeführt wurde Der Hauptstoss erfolgte in nördlicher Richtung gegen das GardeCorps unter dem persönlichen Befehl des Generals Ducrot, und zwar mit der selbständig gewordenen früheren 2. Division des Corps Vinoy unter ViceAdmiral de la Ronciere zunächst gegen Le Bourgel, der Vorstoss auf dem rechten Flügel gegen die Sachsen unter den Generalen Malroy und Blaise (I. und 2. Division des 1. Armee Corps der II. Armee). Im Ganzen sollen zu diesen Ausfällen 100 Bataillone, mithin die ganze II. Armee, sowie zum erstenmale auch die neuformirlen Batterien der mobilen Nationalgarde verwendet worden sein.

I. Der Ausfall gegen das Garde-Corps.

Im Norden von Paris zieht sich die Linie der französischen Forts von St Denis (Double Couronne mit den Nebenforts La Briche und de I'Esl) in südöstlicher Richtung zu den Forts Aubervilliers, Noisy bis zum Fort Rosny (ort; die beiden letzteren Forts liegen auf dem Höhenterrain von Romainville, die ersteren in der Ebene. Die 2—3000 Schritte vor dieser Linie gelegenen Dörfer Courneu ve, Bobigny und Bondy bilden die von den Franzosen besetzte Vorpostenlinie; das 2000 Schritt nördlich von Bobigny gelegene Dorf Drancy wird von ihnen nur des Nachts besetzt, da es zwar noch unter dem Feuer der Forts, aber nur 2000 Schritt von der feindlichen Vorpostenlinie entfernt liegt, daher sehr exponirt ist.

Die preussische Vorpostenlinie läuft dagegen von Pierrefitte über Stains, Le Bourgel in südöstlicher Richtung, etwa 4000 Schritt von den Forts, mithin noch im wirksamsten Schussbereich derselben. Die Hauptsiellungen des GardeCorps erstrecken sich dagegen durchschnittlich 3000 Schritt hinter der Vorpostenlinie von Garges über Dugny, Pont Iblon, Le Blanc Mesnil, Aulnay ueh Sevran am Ourcq-Canal und der Eisenbahn Paris-Soissons. Von hier «hliessen sich die Vorpostenlinien und Aufstellungen des XII. (Sächsischen) Armee-Corps bis zur Marne unmittelbar an. Auch die Hauptslellungen des Garde-Corps können noch durch das Feuer aus den Forts beunruhigt werden.

') Militär-Wochenblatt Nr. 4, Jahrgang 1871.

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