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Die militärische Wichtigkeit von Pardubitz und die projectirte Bahn von da über Iglau an die Donau.

Die Natur-Festung Böhmen hat, wie jede künstliche, ihre starken und schwachen Seiten. Die stärkste Seite Böhmen's gegenüber dem es immer mehr umspinnenden Preussen liegt darin, dass es keilförmig in den Leib des Gegners vorgeschoben ist, und dass man vom Centralpunkte Prag aus, auf zahlreichen guten Communicationen die Naturwälle, Riesen- und (Fichtel-) Erzgebirge und den Böhmerwald passirend, in die Ebenen der Oder, Elbe, des Mains und der Naab herniedersteigen kann. Leider sind unsere politischen Verhältnisse nicht darnach angethan, dass wir sobald in der Lage sein werden, aus dieser durch Böhmen's Lage bedingten Offensivfähigkeit Nutzen zu ziehen; es ist kaum zu hoffen, dass Österreich so lange Zeit der Erholung finden wird, bis es alle seine Kräfte zur Offensive stark genug hat. Aber selbst in dem günstigen Falle, dass uns Preussen, resp. das ausserösterreichische Deutschland Zeit lässt, von Böhmen aus zur Offensive überzugehen, so kann diese doch nur, soll sie entscheidend sein, entweder direct gegen Berlin, oder Elbe abwärts, eventuell auch Main abwärts in dessen Mündungsgegend geführt werden. In allen diesen Fällen braucht man zur Deckung des Rückens und Beobachtung Schlesien's ein Observations-Corps, das in jener Gegend aufzustellen ist, welche am meisten bedroht ist, d. h. wo der Gegner die besten Bedingungen findet, unsere Verbindungen im Rücken zu gefährden, nämlich von Glatz her, dessen Gebiet so unbequem in das unsere hineinragt, und das durch alle Mittel der Kunst – Befestigungen und Communicationen – für solche Zwecke bestens hergerichtet wurde. Den nächsten Krieg mit Preussisch-Deutschland – dessen baldiger Ausbruch, trotz unserer jetzt leidlichen Beziehungen zum siegreichen Nachbar, unausbleiblich ist (?) – dürften wir Anfangs mindestens wohl defensiv führen. Dann muss wieder Böhmen der Haupt-Kriegsschauplatz werden, weil sich da alle Heeressäulen des mit Preussen freiwillig oder gezwungen verbündeten Deutschlands auf dem Weg gegen Wien vereinigen müssen. Diesen Kriegsschauplatz entsprechend herzurichten, ist dringendes Geb0. Wir haben früher seine stärkste Seite hervorgehoben, nun kommen wir zu seiner schwächsten! – Es ist die Ostfront, zugleich die empfindlichste, weil sie die Verbindung mit dem Hinterlande, den Weg nach Wien vermittelt Und gerade sie ist durch den Glatzer Kessel am meisten bedroht, in welchem Preussen mit Hilfe der schon bestehenden und im Baue begriffenen Commu nicationen in Zeit von ein Paar Tagen 40 – 60.000 Mann concentriren kann.

Driesen stehen von da aus sowohl in's Marchgebiet als gegen die obere Elbe sule Communicationen offen, so dass die preussischen Colonnen in zwei Tagen in Hohenstadt, Landskron, Wildenschwerdt etc., in Einem Tage vor Josefstadt eintreffen können. (Im Feldzuge 1866 sind auf letzterem Wege zwei preussische Armee-Corps vorgerückl.) Bei den nunmehr ausserordentlich vermehrten Hilfsmitteln Preussen's ist wohl vorauszuselzen, dass es die günstige Lage des Glatzergebieles unler allen Bedingungen ausnutzen wird. Ob wir nun die eigene Hauptarmee in Böhmen oder Mähren concentriren, werden wir gezwungen sein, gegen Glatz ein Observations-Corps aufzustellen, theils um die Flanke jener zu decken, theils um zu verhindern, dass feindliche Streif-Corps etwa ganz ungehindert tief in's eigene Land eindringen.

Dieses Observations - Corps kann in dem Masse schwächer gehalten werden, als es einen sichernden, für alle Fälle ballbaren Slülzpunkt hat.

Dass Pardubitz dieser zu belestigende Punkt ist, soll nun dargelegt werden!

In dem geräumigen, für die Bewegung der grössten Heeresmussen geeigneten Elbe-Kessel, -- dort, wo die Elbe, ihren südlichen Lauf ändernd, segen Weslen fliesst, - ferner in der Mündungsgegend (auch die AdlerMündung bei Königgrälz ist noch im strategischen Bereiche) der vom böhmisch-máhrischen Scheidegebirge kommenden Gewässer, durch deren Thäler die Communicationen aus dem Marchgebiete, also von Olmütz und Brünn gegen Prag ziehen, gelegen, ist Pardubitz in handelspolitischer Beziehung sowohl als in militärischer von hoher Bedeutung. Ausser den eben erwähnten Communicationen vereinigen sich hier die von Schlesien über das Riesengebirge und Josefstadt, Elbe abwärts führenden Heeresstrassen mit jener, welche von Berlin aus über Münchengrätz, Jićin gegen Wien zieht. Pardubitz liegt überdies an der einzigen, Prag mit der Reichshauptstadt verbindenden Eisenbahn, und zwar an deren Abzweigung nach Reichenberg - Zittau elc. Kolin wäre zwar an der kürzesten Linie zwischen Wien und Berlin, aber einerseits zu weit vom Glatzergebiete, andererseits von Königgrätz und Josefstadt, deren Vorbandensein als befestigte Punkle möglichst ausgenützt werden soll.

Oslich der Elbe aber, gegen Trübau und Landskron, kann man die Befestigungen zur Deckung der oben erwähnten Bahn nicht verlegen, und zwar wegen der ungünstigen taktischen Bedingungen, welche man sich hier sehaffen würde, weil Befestigungen im Gebirge wenig Offensivfähigkeit haben, leicht localisirt werden können, oder man sich entschliessen müsste, durch Befestigung mehrerer Punkte Kraft zu versplittern.

Mit dem Allen dürfte gründlich erwiesen sein, dass Pardubitz wirklich derjenige Punkt ist, welcher, wenn gehörig gewürdigt und vorbereitet, die sehr leicht zu gefährdende Verbindung zwischen Olmülz und Prag sichern, mindestens aber einer Offensive von Glatz her sehr hinderlich sein kann, und von dem aus man in der Lage ist, allenfallsigen, gegen die so ungünstig als möglich tracirte Bahn vorrückenden feindlichen Colonnen besser als von jedem andern Punkte Halt zu gebielen.

Wenn man auch nicht verlangt, dass Pardubitz sogleich als verschanztes Lager in grossem Style hergerichtet werde, erscheint doch dringend nothwendig (falls es noch nicht geschehen wäre), einen Befestigungs-Entwurf den heutigen Anforderungen entsprechend ausarbeiten und feststellen zu lassen, so dass im Falle des Bedarfes ohne alle Zögerung zur Ausführung geschritten werden könne, und zwar müsste die Lage, Gattung und Grösse der fortificatorischen Objecte, die einzulösenden Grundstücke, zu rasirende Terraingegenstände und Bedeckungen etc. im Voraus genau bestimmt werden. Ebenso würde es sich empfehlen, bei der Ausführung des Baues jene Generalstabs- und Genie-Officiere zu verwenden, welche bei der Ausarbeitung, resp. Prüfung des Entwurfes beschäftigt werden. Eine solche Befestigung scheint jetzt umsomehr nöthig, als die in der Nähe der Grenze befindlichen Bezirke im Falle eines schnell erfolgenden feindlichen Angriffes – der doch auch im Bereiche der Möglichkeit liegt – für die auszustellenden Landwehr-Bataillone und Abtheilungen des Landsturmes einen sicheren Sammelplatz brauchen, wo auch die für solche Fälle nöthigen Vorräthe an Waffen, Munition und sonstigem Kriegsmateriale aufbewahrt werden können. Josefstadt kann diese Zwecke wegen seiner exponirten Lage nur in geringem Massstabe, Königgrätz seiner Bauart wegen aber gar nicht erfüllen. Letzteres, welches als Festung ohnehin aufgelassen werden soll, wäre nur als Brückenkopf zu belassen. Die Floridsdorfer Schanzen und noch mehr die Erfahrungen im nordamerikanischen Kriege belehren uns, dass man in kürzester Zeit einen Platz so befestigen kann, dass er sich sammelnden Truppen hinlänglichen Schutz gewährt und mit deren Hilfe lange Zeit selbst gegen grosse Übermacht sich halten kann. Für jetzt wäre es aber rathsam, östlich (ausserhalb) von Pardubitz zwischen der Elbe und der Chrudimka (vielleicht in der Gegend von Cerna), in Ubereinstimmung und unter Festhaltung des Total-Befestigungs-Entwurfes, sogleich ein grosses Fort zu erbauen, um für alle Fälle (auch gegen einen Handstreich) so lange Schutz zu finden, bis die andern Befestigungen fertig werden. Wenn anders thunlich, wäre auch eine entsprechende Genie-Abtheilung nach Pardubitz in Garnison zu legen. Man wird vielleicht einwenden, dass ausser Pardubitz in Böhmen noch andere militärisch wichtige Punkte vorhanden sind, wie Pilsen, Budweis, Eger etc., dass man aber auch bei Befestigung eines Kriegsschauplatzes den Grundsatz der Concentrirung der Kraft im Auge behalten und deshalb die Vertheidigung Böhmens von dem möglichst stark herzustellenden Prag, dem Centralpunkte aus führen müsse etc. Aber eben der Grundsatz der concentriten Kraft – im strategischen Sinne – erfordert, dass man die schwächsten Punkte erkenne und so herrichte, dass ihrer Deckung zu Liebe der Hauptarmee möglichst wenig Kräfte entzogen werden. Behufs leichterer Vertheidisuns Böhmens, resp. schneller und gesicherter Concentriruns der Armee sind neue Eisenbahnlinien unerlässlich.

Um den Nachtheil des bisherigen Bahntracés – Wien-Prag – zu heben, in Berücksichtigung der jetzigen politischen Verhältnisse und im Interesse des Handels wäre der vom böhmischen Landes-Ausschusse angeregte Bahnbau von Pardubitz (Kolin) über Iglau zur Donau auf jede Weise zu fördern, und zwar, ohne alle Rücksicht auf die Endpunkte Pardubitz oder Kolin, jene Tracé zu wählen, welche mehr Aussicht hat Capitalien zu finden. Die nach Kolin wäre wohl die kürzeste Verbindung zwischen Wien und Berlin; da sie aber noch eine Fortsetzung über Nimburg an die Iser voraussetzt, dürfte das Project von Pardubitz, welches eine Fortsetzung schon vorfindet, eher zu realisiren sein. Um die Vollendung der Bahn möglichst zu beschleunigen, gewähre man der Gesellschaft alle nur möglichen Bauerleichterungen, im Oberbau, beiden Brücken und Bahngebäuden, ein anfänglich geringes Betriebsmateriale, endlich Landes- und Staats-Subvention. Um möglichst schnell zu einem Anschlusse zu gelangen, könnte man die Staatsbahn vielleicht vermögen, von Rossitz aus gegen Iglau zu bauen, und hiemit auch dem Rechtsstreite wegen Privilegiums der Nordbahn (durch Concessionirung der Linie Stadlau-Laa-Rossitz, resp. Brünn) vorbeugen, da ersterer Bahn doch nicht verwehrt werden kann, von Wien aus eine Bahn über Rossitz nach Iglau zu bauen. Liesse sich die Staatsbahn hiezu nicht bereit finden, so müsste die hier besprochene Bahn so schnell als möglich von Pardubitz über Iglau nach Znaim gebaut werden, wohin die Staatsbahn laut Concessionsurkunde auf Verlangen der Regierung von Laa aus eine Flügelbahn herstellen muss. In die Concession für die Linie Pardubitz-Znaim wäre eine Flügelbahn nach Kolin, eventuell bis an die Iser, zum Anschlusse an die Kralup-Turnauer Bahn, ferner eine Fortsetzung südlich – allenfalls von Znaim nach Krems – an die Donau aufzunehmen, so dass, wenn die Reichenberger Bahngesellschaft den Bau und Betrieb übernähme, von der nördlichsten Reichsgrenze eine ununterbrochene und selbständige Verbindung an die Donau hergestellt würde. Diese Bahn liegt ebensosehr im volkswirthschaftlichen als militärischen Interesse. Sie wird bisher abseitsliegende, gut bevölkerte, arbeitsame und grossentheils wohlhabende Bezirke in den Weltverkehr einführen, die Naturproducte und zahlreichen Fabricate des nördlichen und östlichen Böhmens und der südwestlichen mährischen Bezirke auf den kürzesten Wegen zur Donau und Elbe führen und zur Belebung des Verkehres auf der ReichenbergPardubitzer Bahn und den genannten Wasserstrassen, endlich zum Aufblühen neuer Stapelplätze des Handels – Pardubitz, Iglau, Znaim, Krems etc. – sehr viel beitragen. Geschrieben im Jahre 1867.

Wilhelm Wann isch, Hauptmann im k. k. 61. Linien-Infanterie-Regiment.

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Grundzüge

über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und über die neueste Armee-Reorganisation in Russland.

Am 25. December 1870 (a. St.) veröffentlichte der „Russische Invalide“, das officielle Organ des russischen Kriegsministers Miljutin, sowohl den dem Kaiser unterbreiteten Vortrag vom 20. December 1870 (a. St.) über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und über die Reorganisation der Armee, als auch die dem Vortrage beigeschlossenen, hierauf Bezug nehmenden Grundzüge, welche bei der Durchführung der beabsichtigten Reformen als Basis dienen sollen. Der Kriegsminister betont in seinem Vortrage, dass zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, sowie zur Verstärkung der Streitkräfte, es die europäischen Staaten waren, welche die erste Anregung gaben. Der Kriegsminister hebt in seinem Vortrage weiters hervor, dass, um im Gleichgewicht mit den Streitkräften der europäischen Staaten ersten Ranges zu bleiben, es unbedingt nothwendig sei, eine vollkommen unabhängige Feldarmee für alle Eventualitäten zu schaffen. In gleicher Weise betont der Kriegsminister die Möglichkeit, durch die allgemeine Wehrpflicht hinlängliche Reserven zu erzielen, welche nach Bedarf theilweise durch Formirung von Reserve-Infanterie-Divisionen mit der entsprechenden Reserve-Fuss-Artillerie die activen Feldtruppen zu unterstützen und zu ergänzen, theils aber hinlängliche Besatzungen im Innern des Reiches abzugeben hätten. Was die Cavallerie und die reitende Artillerie anbelangt, so glaubt der Kriegsminister, dass sie im eventuellen Kriege eine genügende Unterstützung in den Kosakentruppen finden, somit eine weitere Vermehrung dieser Waffengattungen unterlassen werden könne. - Der Kriegsminister erachtet in seinem Vortrage ferner die Einstellung von etwa 25 Percent jener jungen Männer, welche das 21. Lebensjahr erreicht haben, als vollkommen genügend, um successive hinlänglich altgediente Soldaten zu bekommen, sowohl zur Completirung der Armee auf den Kriegsstand, als auch zur Bildung starker Reserven. Die durch das Los nicht getroffenen, somit in die Armee nicht eingereihten jungen Leute kommen in die Reichswehr (eine Art organisirten Landsturms). Wir lassen nun jene Grundprincipien folgen, welche für die beiden zur Ausarbeitung der hierauf bezüglichen Gesetze eingesetzten Commissionen entworfen sind, und welche die im Vortrage des Kriegsministers entwickelten Ideen vollständig enthalten.

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