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Das grosse Bündniss, welches die diplomatische Kunst

des Fürsten Kaunitz gegen Preussen heraufbeschworen, war durch den Tod der Kaiserin von Russland, Elisabeth, brüchig geworden. Die letzten Hoffnungen, die Macht des Preussenkönigs trotz seines bewunderungswürdigen Widerstandes schliesslich doch zu zermalmen, waren vernichtet. Durch die Unterstützung Russlands kam Friedrich in die Lage, in dem Kampfe gegen Oesterreich Stand zu halten und endlich einen Frieden zu erringen, der ihn im vollständigen Besitz seiner Lande beliess. Das politische System, welches jener grossen Coalition zu Grunde lag, wurde aber trotz des Misserfolgs von dem österreichischen Staatskanzler als das einzige richtige für die Monarchie bezeichnet. An den Grundgedanken desselben hielt er nach wie vor fest. Er hatte sich mit jenen Ideen zu sehr identificirt, um sie so leicht wieder aufgeben zu können. Selbst als die Thronbesteigung Katharina's die leisen Hoffnungen, die sich an diesen Regierungswechsel knüpften, nicht realisirte, war Kaunitz nicht davon abzubringen, dass Oesterreich ausschliesslich und allein in dem Bündniss mit Russland und Frankreich einen Schutz gegen die Macht an der Spree erhalten könne. Mit scharfem und richtigem Blicke erkannte er den Umschwung, der sich in dem europäischen Staatensysteme durch das Emporkommen Preussens vollzog. Und dass der österreichischen nur allzuoft übergreifenden Politik ein Damm entgegengesetzt wurde, indem sich Friedrich hart an ihre Fersen heftete, wurde Kaunitz nicht müde in den mannigfachsten Wendungen zu wiederholen. Die anwachsende Macht Preussens, setzte er auseinander, bringe Oesterreich in die Lage, sein beständiges Augenmerk

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dorthin zu richten, woher die grösste Gefahr drohe. Denn die Oesterreich zu Gebote stehenden militärischen Hilfsmittel reichen gegen Preussen und Frankreich gemeinschaftlich nicht aus. Höchstens mit der erstgenannten Macht könne man es aufnehmen. Aus diesem Grunde entsprach auch seiner Ansicht nach das Bündniss mit Frankreich weit mehr dem Interesse und Bedürfnisse des österreichischen Staates,, als jenes mit den Seemächten. Kaunitz verhehlte sich zwar nicht, dass Frankreich, obwohl es momentan in dem Bündnisse mit Oesterreich auch sein Interesse gewahrt finde, dennoch früher oder später zu seinem alten System, zu seiner alten gehässigen Gesinnung gegen Oesterreich zurückkehren könnte und einem Krieg in den Niederlanden nicht abgeneigt sein würde, indem dadurch England der härteste Schlag zugefügt werden könnte. Allein sein Augenmerk richtete er auf die Gegenwart, sich genug Geisteskraft zutrauend, um in der Zukunft bei etwaigen Eventualitäten gegen die drohenden Uebel das rechte Heilmittel zu finden. Eine gewisse Beruhigung gewährten ihm auch die freundschaftlichen Beziehungen Oesterreichs zu Spanien, indem Frankreich nicht wagen werde, seinen oppositionellen Gelüsten gegen das Haus Habsburg-Lothringen die Zügel schiessen zu lassen, so lange das gute Einvernehmen desselben mit Spanien fortdaure. Acussersten Falles rechnete er mit Zuversicht darauf, dass England nie abgeneigt sein werde, die alten Verbindungen wieder anzuknüpfen, wenn Oesterreich eine Verständigung mit den Seemächten suchen würde.

Momentan hatte Oesterreich durchaus keinen Grund zu einer Aenderung seines politischen Systems, da Frankreich seinen Verpflichtungen während des letzten Kampfes im Wesentlichen getreulich nachgekommen war, und die kleinen Anzeichen von Untreue, die auch dem österreichischen Staatskanzler nicht unbekannt geblieben waren, wogen in seinen Augen nicht schwer. Noch immer schien es zweifellos, dass England das Bündniss mit Oesterreich nur zu eigenen Zwecken ausgebeutet habe und ausbeuten werde. Bei einem Bündnisse mit England und Preussen konnte Oesterreich, nach der Ansicht des Staatskanzlers, seine Rechnung nur schlecht finden; auch eine Allianz mit den Seemächten allein keine vollständige beruhigende Sicherstellung gewähren, da Friedrich sodann seine ehemaligen Beziehungen zu Frankreich wieder anknüpfen müsste. Käme es aber zu einem

Kriege, könnte man sich auf die Hilfe Englands nur gegen Frankreich, nie aber gegen Preussen Hoffnung machen. Ebensowenig würde das britische Ministerium gegen die Pforte eine Unterstützung zu gewähren gewillt sein. Auf der andern Seite, welche grossen Vortheile gewährte Frankreich! Früher, sagte Kaunitz, waren die Niederlande und die Lombardei wie abgesonderte Gebiete des österreichischen Staatskörpers zu betrachten, deren Vertheidigung die schwersten Opfer erforderlich machte, während in dem letzten Kriege diese Gebiete der Monarchie nicht nur nicht zur Last fielen, sondern auch noch die ergiebigste Unterstützung an Land und Leuten lieferten.

Bei ihm blieb es demnach auch nach dem Kriege ausgemacht: Oesterreich müsse bei seinen defensiven Verbindungen mit Frankreich, die so grosse Vortheile abwarfen, beharren. Auch seine Auffassung des Verhältnisses des Kaiserstaates zu Russland war im Wesentlichen intact geblieben. Russland war seiner Meinung nach ein natürlicher Bundesgenosse Oesterreichs, dem man jede mögliche Rücksicht zollen musste. Zwischen Russland und Oesterreich konnten Eifersucht und Streitigkeiten nicht Platz greifen, und das eigentliche Staatsinteresse Beider gebot, auf die Türkei und Preussen das vorzüglichste Augenmerk zu richten. In der That hatte sich auch Russland von diesen Ideen bis zum Tode Elisabeths leiten lassen, und die Aenderung, welche seitdem durch Anknüpfung intimer Beziehungen zu Preussen eingetreten war, schien dem österreichischen Staatskanzler im Widerspruche mit aller Erfahrung und jeder vernünftigen Vorsicht zu stehen und nur aus unrichtigen Begriffen und unberechtigten Vorurtheilen herzurühren. '

Welch scheinbaren Gleichmuth auch Kaunitz über die Abtrünnigkeit Russlands zur Schau trug, er würde es mit be-sonderer Freude begrüsst haben, wenn sich die Gerüchte, die über ein geheimes Bündniss mit Preussen im Schwunge waren, nicht verwirklicht hätten. Bis zum letzten Momente erörterte er alle Möglichkeiten, die einen Abschluss desselben hindern könnten. Allein die Interessen Russlands und Oesterreichs gingen damals in der polnischen Frage weit auseinander, und die Erklärungen, die Oesterreich auf einige Anfragen über die

1 Dieser Darstellung liegt eine Instruction an Lobkowitz, der als Gesandter nach Russland gesendet wurde, vom 3. Nov. 1763 zu Grunde.

bevorstehende Wahl eines neuen polnischen Königs in Petersburg abgeben liess, entsprachen so wenig den russischen Tendenzen, dass schon im Herbste 1763 mit grosser Wahrscheinlichkeit der Abschluss einer russisch-preussischen Allianz angenommen werden konnte. Einige kleine, unbedeutende und auch resultatlose Annäherungsversuche abgerechnet, blieben die Beziehungen Oesterreichs zu Russlands kühl bis ans Herz hinan. Fürst Lobkowitz, der den österreichischen Hof in Petersburg vertrat, konnte lange Jahre hindurch Uebungen in der Rolle eines Beobachters anstellen, ohne, einige geheime Nachrichten abgerechnet, in officieller Weise wichtige politische Fragen zu verhandeln.

Das Verhältniss zu Russland blieb natürlich auf jenes zu Preussen nicht ohne Rückwirkung. Als die polnische Königsfrage auf der europäischen Tagesordnung erschien, machte Oesterreich wohl einige schüchterne Versuche, mit Friedrich II. zu einer Verständigung zu gelangen. Allein Ströme von Blut trennten die beiden Nachbarstaaten von einander; der König von Preussen hatte viel zu viel Erbitterung gegen den Maun eingesogen, dessen Gewandtheit es gelungen war, ihm eine Schaar von Gegnern auf den Hals zu laden, und so wenig wahre Sympathie er dem nordischen Kolosse entgegen bringen mochte, er nahm das Bündniss mit Russland in der Isolirtheit, in der er sich befand, bereitwilligst an. Es ist möglich, dass bei einem etwaigen Cabinetswechsel in Oesterreich das Misstrauen Preussens geschwunden wäre, aber hieran war nicht zu denken, da Maria Theresia von den richtigen Ansichten ihres Staatskanzlers nur zu sehr überzeugt war, auch eine andere bedeutende Persönlichkeit in ihren Kreisen nicht in Sicht war, um auch nur im entferntesten den Gedanken einer Beseitigung des Fürsten Kaunitz aufkommen zu lassen. Zu Kaunitz konnte Friedrich kein Vertrauen fassen, und so standen die beiden Gegner einander fortwährend beaufsichtigend gegenüber, auf Schritt und Tritt auf der Lauer, um die gegenseitigen Massnahmen zu erspähen.

Hievon abgesehen, lebte man wenigstens äusserlich in scheinbar gutem Einvernehmen. Einige Fragen, die nach geschlossenem Frieden der Lösung harrten, wurden in einfachster Weise zum Abschluss gebracht, auch fehlte es an Versicherungen des Wohlwollens und freundlicher Gesinnungen nicht. Inner

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lich war und blieb man entfremdet. Kaunitz war davon überzeugt, dass das Hauptaugenmerk Preussens beständig gegen Oesterreich gerichtet sei, und keine Gelegenheit würde verabsäumt werden, um dem Erzhause einen empfindlichen Streich zu versetzen; nur hoffte er, dass der kriegerische Geist des Königs durch das zunehmende Alter und die geschwächte Leibeskraft abgenommen haben würde. Der König werde daher nicht zu leicht wieder zu den Waffen greifen, indem Oesterreich sich in guter Verfassung befände. Und Friedrich witterte nicht minder überall Winkelzüge des Staatskanzlers, nicht im geringsten darüber im Zweifel, dass die Wiener Kreise unaufhörlich darauf sännen, ihm Schaden zuzufügen, sich auch durch die Erfahrungen im letzten Kriege nicht abschrecken lassen würden, einer neuen Coalition, wenn Zeit und Umstände günstig, die Hand zu bieten. In dem Bündnisse mit Russland erblickte Friedrich die einzige Sicherheit gegen einen abermaligen ihm von österreichischer Seite drohenden Angriffskrieg. Erst im Jahre 1766 gewann es für kurze Zeit den Anschein, dass eine Besserung der gegenseitigen Beziehungen nicht ganz ausserhalb des Bereiches der Möglichkeit liege. England trug sich damals wieder mit dem Gedanken eines neuen Krieges gegen Frankreich. Zur Verwunderung Oesterreichs liess das englische Ministerium in Wien sondiren, ob man nicht geneigt wäre, einer Verbindung Englands, Preussens und Russlands beizutreten, und wenn dies nicht beliebt würde, sich wenigstens mit Preussen so weit auseinander zu setzen, dass der Friede zwischen den beiden Nachbarstaaten erhalten werden könnte, wenn es zu einem Kampfe zwischen Frankreich und England käme. Es schien dem englischen Ministerium nicht unmöglich nunmehr zu erreichen, was ihm im Jahre 1755 misslungen war. Man glaubte in Wien zu wissen, dass die Verhandlungen von Seiten Englands in Berlin durch den Erbprinzen von Braunschweig geführt würden, und aus einigen Anzeichen entnehmen zu dürfen, dass Friedrich nicht ganz abgeneigt war, auf die Intentionen Englands einzugehen. Den Bemühungen des Londoner Ministeriums schrieb man es wenigstens zu, dass von preussischer Seite ein ganz unvermutheter, durch die zeitweiligen politischen Verhältnisse durchaus nicht veran

1 An Nugent vom 22. April 1766.

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