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GERHOCHI REICHERSBERGENSIS

AD CARDINALES

DE SCHISMATE EPISTOLA.

HERAUSGEGEBEN VON

E. MÜHLBACHER.

Gerhoch von Reichersberg ist unstreitig eine der interessantesten Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts. Seine Ueberzeugungstreue und Thatkraft, sein Freimuth und Scharfblick weisen ihm einen hervorragenden Platz an in der Geschichte, mag man ihm auch starrköpfige Streitlust und fanatischen Eifer zum Vorwurfe machen, mag ihm, dem Vorkämpfer der gregorianischen Ideen, auch ein gewisser Dualismus der Neigungen anhaften.

Hatte Stülz einer unbefangenen Beurtheilung Gerhoch's Bahn gebrochen, so suchte Bach namentlich dessen wissenschaftliche Bedeutung zur Geltung zu bringen;2 Reuter, 3 Wattenbach + und andere i widmeten ihm eine eingehendere Besprechung

Ein grosser Theil der Schriften Gerhoch's ist noch nicht veröffentlicht.“ Jaffé's Plan, die historischen Stücke derselben seiner Bibliotheca rerum Germanicarum einzuverleiben, kam nicht mehr zur Ausführung; die Absicht einer Gesammtausgabe scheint der Realisirung noch sehr ferne zu stehen.

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| Propst Gerhoch I. von Reichersberg. Denkschriften der k. Ak. der Wiss.

phil. hist. Classe 1, 113-166. Propst Gerhoch I. von Reichersberg. Oesterr. Vierteljahrsschrift für kath.

Theol. 1865 1, 19-118. 3 Geschichte Alexander des Dritten. 2. A. 2, 120–131. 4 Deutschlands Geschichtsquellen 2. Aufl. 433.

Kugler, Studien zur Geschichte des zweiten Kreuzzuges, 34 - 36; Heinzel,

Heinrich von Melk. 25. 33, 41. 6 Eine Analyse derselben bei Bach, 111 f. vgl. Stülz, 165. Beizufügen sind

noch: Gerhochi sermones XXXI conscripti ab auctoris fratre Arnone. Cod. 1558 (saec. XII) der Hof bibliothek in Wien, Tabulae codd. mss. in bibl. pal. Vindob. asserv, 1, 252.

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Ein Brief blieb bis jetzt fast gänzlich unbeachtet.' Man kann ihn füglich eine Denkschrift nennen. Er bietet zwar keine neuen Daten, aber geschrieben unter dem unmittelbaren Eindrucke der Ereignisse ist er ein farbenreiches Stimmungsbild, welches des Propstes markige Hand zeichnet. In grellen Zügen tritt die Unsicherheit der Lage, die Beängstigung derer hervor, welche sich dem Machtgebote des Kaisers nicht fügten, nicht fügen wollten, die schwankende Stellung so mancher Bischöfe, die auf dem Würzburger Reichstage Paschal III. Obedienz gelobt hatten, wie nicht minder die Hochherzigkeit Barbarossa's und der Uebereifer der deutschen Fürsten. Die vertrauliche Unterredung Friedrich I. mit Gerhoch, von der dieser nur geheimnissvolle Andeutungen gegeben, die Disputationen mit den Anhängern des Gegenpapstes werden ausführlicher mitgetheilt.

Diese Denkschrift schliesst sich enge an das erste Buch de investigatione Antichristi an. Dieselbe rückhaltslose Sprache, derselbe rückhaltslose Freimuth durchweht auch sie; sie ist von demselben Geiste für die Reinheit der Kirche, die Ehre des apostolischen Stuhles getragen. Die scharfe Scheidung der geistlichen und weltlichen Gewalt, für welche Gerhoch sein Leben lang gestritten,' wird hier bestimmter als je betont, die financielle Zwangslage der Päpste durch ihr Verhältniss zu Rom ebenso bitter berührt als früher. Mit demselben patrio

| Nur erwähnt von Wattenbach in Pertz' Archiv 10, 640. 2 1165, Pfingsten, Mai 23. Mon. Germ. leg. 2, 135 ff. Stumpf, Reichskanzler

4045-4047; Alexandro amicus, Labbé, Concilia 13, 328; Ann. Reichers

perg. MG. script. 17, 471. 3 At ubi predictus episcopus cum aliis veritatem scientibus me sufficienter

excusavit, gratia dei favente ipse augustus adeo mihi fuit placatus, ut multa mecum privato colloquio tractaret, quae si auderem scripto committere magna ex parte, ut credo, vobis placerent. Audietis tamen exinde aliqua, si deo disponente continget me ore ad os loqui vobis. Ep. ad card. Henricum. Pez thes. anecd. VI. I. 513. Die Aufzeichnungen Gerhochs über die Unterredungen des Kaisers mit dem Erzbischofe Conrad II. von Salzburg (1164, Sept. Ann. Reich. MGs. 17, 471) scheinen verloren

zu sein. 4 De aedificio Dei c. 7, 10, 11, 27, Pez II, 2, 269, 281, 283, 338, Expositio

in ps. 64, Balur Miscell. 5. 66, 92 f, 111, 123; De invest. Antichr. Archiv

für Kunde österr. Geschichtsquellen 20, 156, 180 f. 5 De inv. Ant. 141, 175, 178; de quarta vigilia noctis bei Bach 106, n.

2, 113.

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tischen Gefühle bekämpft der Propst von Reichersberg, den man gerade in dieser Beziehung beim Kaiser verdächtigt hatte, wieder das Bündniss Alexander III mit Wilhelm I von Sicilien und den lombardischen Städten. In dieser Verschwörung: gegen das Reich, von deren Nichtigkeit er aber auch einst überzeugt sein zu können glaubte,4 als päpstliche Gesandte nach Deutschland gekommen waren, um den römischen Stuhl von diesem Vorwurfe zu reinigen, sieht er noch immer die tiefe Kluft, welche zwischen Kaiserthum und Papstthum klaffend einen Frieden unmöglich mache. Rom müsse sich rechtfertigen, indem es jenes Bündniss entschieden in Abrede stelle, oder, wenn es dies nicht könne, dasselbe lösen, diese schon früher ausgesprochene Forderung h ist der Grundgedanke seines Briefes, dem er mit der ganzen Kraft seiner Ueberzeugung, mit der ganzen Wucht seiner Beredsamkeit Beachtung und Durchführung verschaffen will. Aber noch ein anderer Zweifel ist es, der einst schon beseitigt? sich doch wieder leise herandrängt, für den Gerhoch Gewissheit verlangt, der Zweifel, ob die Patriarchen des Orientes sich wirklich an Alexander angeschlossen.

Würde das Schriftstück auch Gerhoch's Namen nicht an der Stirne tragen, so müsste doch schon dessen äussere Form die breitspurigen Constructionen, die langgestreckten Sätze, die Vorliebe für die Bilder des alten Testamentes auf ihn hinweisen.

1 Pez, VI, 1, 543, 549. 2 Est autem scandalum eiusdem conspirationis sen ficte seu facte tantum ac

tale, ut nec secure a fidelibus contempni nec absque concilio generali tolli de medio posse uideatur. Nam si id soli inimici et adversarii Alexandri dicerent et ipsi, contra quos dicitur, prout oportuerat, solempniter negarent aut certe factum iustificarent aut, quod iustificari non posset, mutarent seque ab amicitia siculi et mediolanensium, quibus contra imperium seu contra collaudamentum imperatori factum federati dicuntur, longe facerent, contempni possent ac deberent maledicorum calumpnie de

simoniaca illa conspiratione. De inv. Ant. 153. 3 MGI. 2, 124, 126; Ragewin, Gesta Friderici II (IV),'69, 70, 72, MGs. 20,

284, 286, 288; Stumpf, 3891; Sudendorf, Registrum 1, 62, nr. 22; Bosonis

vita Alexandri III, Watterich, Vitae pontif. 2, 385. 4 De inv. Ant. 137. 5 1163, März, Sudendorf, Regis 1, 67, nr. 24; Meiller, Regesten zur Gesch.

der Salzburger Erzbischöfe, 104, nr. 238. 6 De inv. Ant., 154. ? De inv. Ant., 137; vgl. dagegen ib. 149, 173.

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