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wir wissen, sie war bei der' Dienerschaft nicht beliebt. „Wir ersuhren es auch erst durch Iean, der den Herrn um ein Uhr mit einem kleinen Koffer zum Bahnhof begleiten mußte. Der Herr sei sehr ungnädig gewesen und sehr ungeduldig." Und nach einer kaum bemerkbaren Pause setzte er hinzu: „Die Frau Bürgermeisterin lassen das Fräulein bitten, zu ihr hinaufzukommen."

„Mich?" fragte Bertha, die von Seeunde zu Seeunde bleicher wurde.

„Ia, Fräulein von Meiring," versetzte er in einem kurzen, zum mindesten nicht respeetvollen Tone, „und das Fräulein möchte so bald wie möglich kommen, es sei pressant."

Fräulein Bertha erwiederte nichts. Sie siel ohnmächtig auf ihren Stuhl zurück. —

Eine hatbe Stunde später stand Frau Martha in dem Zimmer der Gesellschafterin, welche blaß und matt sich beim Eintritt der Greisin aus der Sophaecke erhoben hatte, aber sich kaum auf den Füßen halten zu können schien. Die Bürgermeisterin sah dies mit einem aufmerksamen, aber für ihre Auge kalten Blicke an, machte jedoch keine Bemerkung darüber, sondern sagte nur zu ihrer anwesenden Enkelin: „Laß' uns allein, mein Kind. Ich habe mit Fräulein von Meiring über besondere Angelegenheiten zu reden. Geh' zu mir hinauf und bleibe da — ich muß hernach auch mit dir sprechen."

Und als das Mädchen nach einem bittenden Blick auf die Großmutter das Zimmer verlafsen hatte, wandte sich diese mit ihrem kalten, strengen Auge von neuem zu Bertha und fuhr sort: „Wenn Sie sich so angegriffen fühlen, mein Fräulein, so setzen Sie sich. Ich bin nicht in zwei Worten sertig und ich fürchte, daß Sie durch mehr als einen der zu erwähnenden Punkte noch mehr erschüttert werden." Von dem bangen, siehenden, fast ersterbenden Blick, den Bertha auf sie heftete, nahm sie keine Notiz, sondern sprach im gleichen Tone weiter: „Vor allem, mein Fräulein, muß ich Ihnen das Ende Ihrer Stellung hier im Hause anzeigen."

„Frau von Wehlow!" stammelte Bertha, schreckhaft zusammenzuckend.

Frau Martha's Augen ruhten sinster auf ihr. „Ich will nicht fürchten, mein Fräulein," sagte sie mit herbem Ton, „daß

sie mich so heißen wollen. Ich habe meinen ehrlichen Namen Wehlau und kein Anhängfel daran. Also, Ihre Stellung ist zu Ende. Meine Schwiegertochter ist heut Nacht abgereist und wird nicht zurückkehren. Sie sehen also, daß hier kein Platz mehr für Sie ist, ich und Marie bedürsen keiner Gesellschafterin —"

„Frau Bürgermeisterin, wie sind Sie so hart!" hauchte das Mädchen, den Kopf in die Hände senkend.

„Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen, mein Fräulein," sprach die Greisin unbewegt. „Es ist mir kein Vergnügen, mit Ihnen zu reden, und ich habe doch noch allerhand, mehr als mir lieb ist, zu fugen. Meine Schwiegertochter hat mir einen Brief hinterlassen, in welchem sie sich über gewisse, sie selbst betrefsende Punkte, daneben aber auch über Sie erklärt, mein Fräulein. Für mich enthielt der Brief nach den Erfahrungen der neuesten Zeit zwar allerlei Neues, aber nicht eigentlich Ueberrafchenoes — ich hatte Aehnliches vermuthet, ja wußte es zum Theil sogar. Ich habe Ihnen den Brief mitgebracht, hier ist er."

„Ich kann nicht — ich kann nicht lesen!" murmelte Bertha, ohne das Gesicht aus den Händen zu erheben.

„So werde ich Ihnen denselben vorlesen," sagte Frau Martha unbewegt, indem sie das seine, engbeschriebene Papier entsaltete und es, nachdem sie die Brille aufgesetzt hatte, vor die Augen nahm. „Kennen lernen müssen Sie ihn, das ist nicht anders. Aber ich glaube freilich," fügte sie in eigenthümlich trockenem Ton hinzu, „das meiste wäre für Sie von Uebersluß. Für Sie hat die Dame kein Interesse. Und so will denn nur die paar Sätze herausnehmen, die sich mit Ihnen beschäftigen."

Sie schlug das Blatt um, sie suchte einige Seeunden lang mit den Augen und dann begann sie:

„Herr Wehlow machte endlich auch eine Aeußerung über einen Mann, der trotz all seiner Schwächen himmelhoch über Herrn Wehlow selbst und über seinem Urtheil steht. Herr Wehlow klagt nämlich Herrn von Landenberg, und daher natürlich auch mich, in der Sinnlosigkeit seiner Wuth an, daß er den angeblich mir gestohlenen Schmuck mit meinem Wissen an sich genommen habe, um Spielschulden zu bezahlen «der zu irgend einen: anderen Zweck. Die Beschuldigung ist so sinnlos und so gemein, daß sie für keinen Menschen von Verstand, Gefühl und Ehre einen Werth haben kann. Ich glaube auch nicht, daß Herr Wehlow selber sie laut wiederholen wird; dies könnte aber von Anderen versucht werden und zwar von dem oder den Dieben selbst, und dem muß begegnet werden. Der Dieb des Geldes und der des Schmucks hängen genau zusammen; der eine ist jener — ich glaube, Herr von Sesen; der andere ist Fräulein von Meiring."

Ein unartieulirter Schrei brach von Vertha's zitternden Lippen, sie sank, wie von neuem ohnmächtig, in die Ecke zurück.

Die Bürgermeisterin wars auf das Mädchen einen langen, kalt sorschenden Blick. Dann wandte sie aber, als sehe sie keinen Grund zur Besorgniß, die Augen wieder auf das Blatt und las weiter:

„Fräulein von Meiring hat ganz besondere Anlagen. In welcher Absicht sie die Stelle hier im Hause annahm, weiß ich nicht; sie hat es aber verstanden, die sämmtlichen Hausgenossen lange Zeit über ihre wahre Natur zu täuschen und dies gelang ihr so lange auch bei mir, bis sie die Verhältnisse, die Menschen und den Boden genugfam studirt zu haben, freier vorgehen zu dürsen glaubte und sich, mir wenigstens, alsbald verrieth. Als sie meine Stellung zu Herrn Wehlow zu begreisen meinte, begann sie ihre Bemühungen um diesen, und da sie damit nicht reüffirte, weil Herr Wehlow andere Dinge im Kopse hatte, knüpfte sie mit Herrn von Staust an, ohne darum ihr erstes Ziel aus den Augen zu lassen. Kleine ungeregelte Gelüste nach diesem und dem, was in meinem Besitz war, gingen nebenher —"

„Frau Bürgermeisterin — ich kann — ich dars — ich will diese Schändlichkeitn nicht länger hören!" rief Bertha, welche sich langfam aus der Ecke wieder aufgerichtet hatte, wie ganz außer sich aus. „Ich muß sagen, wie jene entsetzliche Frau: Kein Mensch von Gefühl und Ehre kann daran glauben, und Sie — Sie —"

„Ich, mein Fräulein? Das müssen Sie mir überlassen," siel Frau Martha mit ihrer erschreckenden Trockenheit ein. „Und überdies muß ich Sie bitten, Ihre Aufregung und Abneigung zu zügeln. Ich kömUe allerdings vielleicht aufhören —

das Gericht würde aber wieder anfangen," setzte sie hart hinzu und nahm das Blatt wieder auf.

„— welchen ich nicht entgegentrat, da mich dies Treiben einestheils unterhielt und ich es anderntheils voraussah, daß mir gerade eine solche Persönlichkeit unter Umständen von Werth sein dürste. Ueber die Natur ihrer Verbindung mit jenem Herrn von Sesen weiß ich nichts Näheres und ebensowenig vermag ich anzugeben — wenn ich auch meine Gedanken darüber habe —, was den Einen oder die Andere plötzlich nach einem größeren Fang verlangen und das Comptoirpult bestehlen ließ. Der Diebstahl ist nicht gegen Morgen geschehen, sondern zwischen zwölf und ein Uhr, wo ich ihn von dem Privateabinet des Herrn Wehlow aus beobachtete. Und ebenso hatte ich — das Glück es zu sehen, als Fräulein von Meiring gegen zwei Uhr in das Ankleidezimmer trat und, statt zu horchen, wie sie doch wohl beabsichtigte, den Schmuck an sich nahm. Wäre sie bis zur Portiere meines Schlafzimmers gelangt, so hätte sie sich vor mir gefunden. Was mich veranlaßte zu schweigen, habe ich nicht zu erörtern. Ganz unthätig war ich jedoch nicht. Wenn man bei dem Handelsmann Wolf in der Schwertgafse nachsorscht und fragt, dürste man alles zum Beweise Nöthige erhalten können.

„Nach seiner Rückkehr von Ambach hat Herr Wehlow sich für des Fräuleins erneuerte Aufmerksamkeiten zugänglicher bewiesen, was mir aus mehr als einem Grunde besonders willkommen war. Und da ich Herrn Wehlow kenne und weiß, daß ihn ein allzulanger Widerstand leicht verstimmt und ermüdet, so erlaubte ich mir eine kleine Komödie mit Herrn von Stauff, welche denn auch ihren Zweck ersüllte und Beide sich zu ihrer gegenseitigen Befriedigung endlich verständigen ließ — auch über mich, d. h. genau, wie ich es wollte. Denn, Frau Bürgermeisterin, ich hatte das Spiel fatt und verlangte nach dem Ende." —

Bertha hatte dies alles in einem schwer zu beschreibenden Zustande mit angehört — jedes Wort schien sie zu einem Ausbruch zu reizen, und jedes Wort, wie es in grausamer Deutlichkeit von den Lippen Frau Martha's klang, und jeder Blick auf die Greisin, hielt den Ausbruch dennoch zurück. Nun aber, da das Blatt zusammengelegt und die Brille abgenommen wurde, so daß die alten Augen wieder mit sreier, kalter Strenge aus sie trasen, hielt sie sich nicht länger.

„Das ist so schändlich, so nichtswürdig, daß — daß —" brach sie mit einer Art von Schluchzen aus. „Und diesem abscheulichen Weibe wollen sie glauben, Frau —?"

„Mein Fräulein," unterbrach Frau Martha sie kalt und hart, „mag meine Schwiegertochter gewesen sein, wie sie will, gelogen hat sie nie, und im übrigen haben Sie am wenigsten einen Grund oder ein Recht, dieselbe anzuklagen."

„So muß ich mich an Herrn von Wehlow wenden und von ihm Genugthunng verlangen — er wird sie mir nicht ver weigern!" sagte Bertha mit zuckender Lippe, während in dem milden und sanften Gesicht plötzlich Züge von Trotz und Grimm erschienen und die Augen einen Blick des tödlichsten Hasses aus die alte Dame warsen. „Er läßt mich nicht im Stich — gegen niemand — gegen niemand, weiß ich!"

„Ich auch," versetzte die alte Dame mit vernichtender Kälte; „wenn nur der Herr von Wehlow nicht bereits selber im Stich gelassen würde — vom Glück und von der Ehre! — Sie wissen vielleicht, daß er gleichsalls abgereist ist — möglicherweise wissen Sie sogar, wohin, und daß er hierher nicht zurückkehrt. Es ist ja Alles möglich."

Bertha haschte nach Luft. „Sie wollen doch nicht sagen —" hauchte sie.

„Genau, was ich gesagt habe, es braucht nicht wiederholt zu werden," sprach die alte Dame sinsteren Blicks und stand aus. „Und nun lassen Sie uns auch über Sie zum Schluß kommen — die Sache widert mich an, mein Fräulein. Ich stelle Ihnen eine Alternative — entweder legen Sie bis heut Nachmittag um zwei Uhr vor mir und einem von mir zu berusenden Zeugen ein vollständiges Bekenntniß Ihrer Schuld ab und mögen dann mit Ihrem Herrn Onkel, mit Ihrer Beute und Ihrem Gewissen gehen, wohin Sie wollen. Oder die Polizei wird die Angelegenheit statt meiner in derselben Stunde in Ordnung bringen."

„Frau Bürgermeisterin!" ries Bertha entsetzt. „Sie können nicht —"

„Bis um zwei Uhr, mein Fräulein!"

siel Frau Martha kalt ein. „Ich werde dasür sorgen, daß Sie in Ihrer Ueberlegung bis dahin durch Niemand gestört werden."

In der Stadt machte sich, als man von der plötzlichen und getrennten Abreise der beiden Gatten vernahm, zwar ein gewisses Erstaunen bemerkbar, allein ein eigentlicher Verdacht regte sich noch nicht, ja war selbst unter der Dienerschaft des Hauses nicht ausgekommen, bis es am Nachmittage zuerst bei dieser durch den zurückkehrenden Kutscher und alsbald auch draußen bekannt wurde, daß Adine die beiden Kinder mitgenommen und aus der Eisenbahnstation, bis zu welcher der Wagen sie gesührt, dem Kutscher angedeutet habe, daß sie nicht zurückkehren werde. Da wuchs das Erstaunen und erhob sich der Verdacht höher und höher und nahm plötzlich eine von Vielen nie geahnte Richtung — denn um dieselbe Stunde verbreitete sich plötzlich das Gerücht, daß der Hauptmann Baron von Landenberg morgens todt vor seinem Schreibtisch gesunden sei.

An einem Herzschlage sollte er gestorben sein. So glaubte es die Dienerschaft, so gaben es die Aerzte an, so glaubte es die arme, untröstliche, selbst vor Entsetzen und Trauer dem Tode nahe Frau. Alles schien auch aus ein solches überraschendes, ungeahntes Ende hinzndeuten. Es sand sich nicht das leiseste Anzeichen, daß der Verstorbene dergleichen sür möglich gehalten und sich, der Pslicht des tüchtigen Mannes gemäß, in Ansehung der Seinen und seines Nachlasses aus dasselbe vorbereitet habe.

In der Gesellschast glaubte man trotz alledem au ein solches natürliches Ende nicht. Man erinnerte sich an die alten Gerüchte von einer Verbindung zwischen ihm und Adinen. Man gedachte seiner neuerdings aussallend verdüsterten Stimmung und seiner unregelmäßigen Lebensweise; man machte sich gegenseitig ausmerksam aus die Entsremdung, welche zwischen ihm und seiner schönen Verwandten eingetreten war und aus den sichtbaren und aussälligen Vorzug, welchen diese neuerdings Herrn von Stauss gewährt hatte. Man ersuhr vom Logenschließer, daß Landenberg am vergangenen Abend eine kurze Zeit in der Wehlow'schen Loge gewesen sei und dieselbe in großer Ausregung verlasse l habe. Und man wollte endlich gehört haben, wie der alte Hausarzt, den Herzschlag bestätigend, mit Achselzucken gemeint habe, vor allen Dingen müsse die arme junge Frau geschont und womöglich gerettet werden. Daß man trotz alledem mit seinem Verdacht oder vielmehr mit seiner Ueberzeugung nicht laut wurde, erklärte sich durch die entschiedene Haltung des Ofsiziereorps und Wolfsbach's, der mit musterhafter Treue sich der Ordnung des Nachlafses und aller Verhältnisse widmete. Es sollte nicht der leiseste Schatten auf den verstorbenen Kameraden und Freund fallen.

Von Herrn von Wehlow war bei dem allem fürs erste wenig die Rede, oder doch nur in der Weise, daß man mit einer gewissen Neugier darauf wartete, wie der hochmüthige und ehrgeizige Mann nach seiner Rückkehr sich zu dem Geschehenen, zu der Trennung von seiner Gattin stellen und wie der Gesellschaft entgegentreten werde.

Anders gestaltete sich die Sache freilich, als man am dritten Tage ersuhr, daß die Bürgermeisterin Martha Wehlau — so nannte sie sich — bei Gericht die Flucht ihres Sohnes anmeldete, die Firma für insolvent erklärte und alle weiteren Schritte dem Ermessen der Behörde anheimgab. Da wurde es allerdings laut über den Banquier und immer lauter, denn es kamen jetzt von Tag zu Tage immer mehr Dinge zu Platz, die ein böses Licht auf den Mann und seine Unternehmungen warsen. Der Glanz und Ruhm der alten Firma waren für immer dahin, der Ruf des Chefs sank tieser und tieser, und er wurde auch nicht wieder hergestellt, als nach Iahr und Tag Alles geordnet und auch die letzten Schulden gedeckt waren. Denn man wußte wohl, wie dies Resultat nur durch die Ehrenhaftigkeit und Energie Frau Martha's hatte erreicht werden können, welche ohne Bedenken den größten Theil ihres sehr bedeutenden eigenen Vermögens opserte, um die Ehre — nicht ihres Sohnes, den man vor ihr nicht nennen durste, aber der Firma wenigstens von dieser Seite zu retten.

Das alte Wehlau'sche Haus ist, wie alle übrigen Besitzungen, verkauft, und Frau Martha lebt mit ihrer Enkelin in tieser Zurückgezogenheit und den bescheidensten Verhältnissen in einer kleinen Vorstadt

wohnung, getrennt von allen früheren Hausgenossen mit Ausnahme ihrer getreuen Lene und des alten Buchhalters Hörmann, der im gleichen Hause für sich eine Mansarde bewohnt und die kleinen Vermögensreste der früheren Gebieterin verwaltet, ihr stets mit Rath und That zur Seite steht. Frau Martha ist trotz ihres jetzt sehr hohen Alters noch immer rüstig und nicht verbittert. Sie gibt der alten „Gotthelsin" noch immer Audienzen, versolgt mit ihr nach Kräften wohlthätige Zwecke und plaudert auch fonst zuweilen mit ihr, wie früher. Sie mag und kann von Allem und Iedem hören und sprechen, selbst über ihre Schwiegertochter und die Kinder derselben. Nur den Namen ihres Sohnes weist sie, wie gesagt, weit von sich, und da von Amerika aus ein Brief desselben an sie einlief, hat sie ihn ungelesen ins Feuer gesteckt. Ebenso dars man auch Bertha's gegen sie nicht erwähnen. Es geschieht freilich auch nicht. Die Dame ist, seit sie am Abend des letzten Tages aus dem Hause schied, mit ihrem alten Verwandten verschwunden und verschollen.

Es wird jetzt etwa ein Iahr sein und in der Vorstadtwohnung wurde gerade die Hochzeit Mariens geseiert, welche sich mit einem wackeren Manne verband, da langte plötzlich Dorette mit Adinens beiden Kindern an.

Die schöne Mutter war vor wenig Wochen gestorben und ihre treue Dienerin Dorette wußte für die Kleinen keinen besseren Platz als Haus und Herz der alten Bürgermeisterin. Darin hatte sie sich auch, wie die Leser nach Frau Martha's Sinnesart schließen werden, nicht getäuscht, die Kinder waren wohl aufgehoben und die alte Dame machte keinen Unterschied unter ihnen.

Lange behielt sie sie freilich nicht, denn nach einigen Monaten erschien eines Tages die blasse, noch immer die Trauer um den Gatten tragende Blanea Landenberg. Sie hatte eine lange, geheime Unterredung mit Frau Martha, und als sie Tags darauf zu ihren Eltern zurückreiste, wurde sie von Doretten mit den Kindern begleitet. —

„Das ist eine Königin unter uns Menschen," sagte Frau Martha zu der Gotthelf.

Sir Walter Raleigh.

Friedrich Jodenztedt.

Nachdruck wird gerichtlich versolgt.

Unter den Männern der Elisabeth'schen Periode, welche zu Englands Auffchwunge und Größe am meisten beigetragen haben, steht Sir Walter Raleigh in erster Reihe; ja, mit unbefangenem Urtheil muß man bei genauem Studium seiner Schristen und unparteiischer Würdigung seiner Thaten zu dem Resultate kommen, daß er der genialste von Allen war und sich auch durch eiserne Charaktersestigkeit und die unbeugfame Energie, womit er seinen hohen Zielen nachstrebte, vor Allen auszeichnete.

Zu dieser Bedeutung des Mannes, die sich, wie wir sehen werden, in den verschiedensten Richtungen belhätigte, steht die Beachtung, welche er bisher in der Geschichte gefunden, in gar keinem Verhältnisse. Es gilt das nicht blos von England, wo blinder Parteihaß lange sein Bild verdunkelt und man erst in neuerer Zeit angefangen hat, seinen Verdiensten einigermaßen gerecht zu werden: es gilt ebensowohl von der deutschen Behandlung englischer Geschichte, denn selbst in Ranke's großem und mit Recht berühmtem Werke, welches sich vornehmlich mit der englischen Geschichte des sechzehnten und siebzehnten Iahrhunderts beschäftigt, sind Raleigh, wenn man alle auf ihn bezüglichen Stellen zufammenzieht, kaum ein paar Seiten gewidmet. Iedoch denkt Ranke keineswegs von ihm gering, wie aus dem Urtheil, das er über ihn fällt, hervorgeht: „Auf das lebendigste nahm Raleigh die Bestrebungen dieser Zeit in sich auf. Er war ehrgeizig, prachtliebend, hochstrebend, in das Faetionsweseu des Hoses tief verstrickt: aber zugleich von großartigem Unternehmungsgeist«, sinnvoll, nachdenkend. An allem Neuen, was in dem Reiche der Entdeckungen und Ersindungen, der Literatur und Kunst hervorgebracht wurde, nahm er den Amheil eines Mitstrebenden: er lebte in der universalen Wissenschaft, ihren Aufgaben und Fortschritten. In seiner Erscheinung hatte er etwas, was einen Mann von überlegenem Geiste und Wesen ankündigte."

Es liegt eben in- der Darstellungsweise unseres mit seinem Grissel zeichnenden Meisters, alles Große vorzugsweise au die Herrschernamen zu knüpsen, unter denen es vollbracht wurde, und die eigentlich treibenden und aussührenden Kräfte mehr in den Hintergrund zu rücken. Allerdings trisft sein Satz vollkommen zu: daß unter keiner Dynastie der Welt große nationale Umwandlungen von den persönlichen Absichten der Fürsten so abhängig gewesen sind, wie in England unter den Tudors, — doch läßt sich der Beweis führen, daß unter Elisabeth — die nur zu oft unfähige Günstlinge an die Spitze der wichtigsten Unternehmungen stellte — Raleigh der Mann war, der am meisten dazu beigetragen, Englands Weltherrschaft zu begründen.

Daß er von diesem Gesichtspunkte aus noch nicht die gebührende historische Würdigung ersahren, erklärt sich aus verschiedenen Gründen. Erstens stand er niemals an der Spitze der Staatsgeschäfte, noch an der Spitze des Heeres, so daß sich der Ruhm der Thaten, deren Seele und Arm er war, niemals ganz und voll an seinen Namen knüpfte, ja, daß ihm der glückliche Ersolg kühner Unternehmungen sogar zum Verbrechen gemacht wurde, wenn unfähige und auf seinen Ruhm eiserfüchtige Besehlshaber Ursache zu haben glaubten, sich über sein eigenmächtiges Vorgehen zu beklagen. Zweitens war sein Wirken zu mannigfaltiger Art, um leicht zusammengefaßt werden zu können, woher es denn kam, daß Vieles, was in unsern Augen seine Größe steigert, sie in den Augen seiner Zeitgenossen verminderte. Der alte Lord Burleigh, ein bewährter Staatsmann von ungeheurer Zähigkeit, Ausdauer und Arbeitskraft, aber von höchst einseitiger Richtung, hatte, weil ihm selbst jede geniale Begabung sehlte, auch keinen Begrisf von dem, was man den geistigen Ueberschuß in genialen Köpsen nennt. Er glaubte nicht, daß Iemand, der sich auf verschiedeuen Gebieten bewegte, auf einem etwas Tüchtiges leisten könne. Gerade die Vielseitigkeit der Raleigh'schen Bestrebungen erschien ihm im ungünstigsten Lichte. Allem abhold, was zur Veredlung und Verschönerung des Lebens dient, konnte er^sich in die Seele eines Mannes von höherem Fluge nicht hineinversetzen. In seinen Augen war Shakespeare nichts als ein geschickter Bühnengaukler, Spenser ein

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