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Antrag Annahme, den Kaiser zu ersuchen, die gänzliche Berichtigung der noch zu regelnden Gegenstände und damit die Erledigung des Friedenswerkes einzuleiten und vor deren Festsetzung und Berichtigung die sich ergebenden Resultate dem Reiche zu einer schleunigen Berathung mitzutheilen, 1

In Wien mochte man nicht so lange warten, bis der schwerfällige Reichstag in endlosen Berathungen zu einem bestimmten Entschlusse kam. Man hatte nicht die Absicht, die Dinge ruhig an sich herankommen zu lassen, obzwar mancherlei Momente für eine blos passive Rolle sprachen. Denn wie leicht konnte es den verschiedenen Parteien, die sehnsuchtsvoll des Momentes harrten, ihr Entschädigungsobject einzuheimsen, gelingen, in Petersburg, Paris und Berlin Boden zu gewinnen und die schwebenden Fragen ohne Mitwirkung Oesterreichs zur Entscheidung zu bringen. So rasch als möglich Alles erledigen, erschien gewiss das Erspriesslichere, Zweckentsprechendere.

Dieses festgestellt, gab es zwei Wege: man konnte die günstige Gelegenheit benützen um zuzugreifen und andere zugreifen zu lassen, oder aber sich mit Wenigem begnügen, unter der Bedingung, dass auch die anderen Antheile sich in mässigen Grenzen bewegen. Hatte sich auch Oesterreich auf deutschem Boden für sich selbst kein Gebiet ausbedungen, so bot der Vertrag von Luneville doch eine geeignete Handhabe für vortheilhafte Erwerbungen und sogar die alten Ansprüche auf Baiern konnten wieder aufgenommen und ihrer Verwirklichung entgegengeführt werden. Indess bei nüchterner Erwägung stellten sich doch nicht unbeträchtliche Hindernisse entgegen. Von dem Kurfürsten von Baiern abgesehen, der vollständig befriedigt werden musste, war mit Sicherheit zu erwarten, dass Preussen eine Vergrösserung des Donaustaates nicht ruhig geschehen lassen würde, und eine Verständigung mit demselben scheiterte von vornherein an den übertriebenen Ansprüchen des Berliner Hofes, welche man durch die Erfahrungen der letzten Jahre genugsam zu kennen wähnte. Die

1 Vergl. das Nähere bei Häusser II. S. 334 fg. 2 Il y a deux moyens d'arrangement, celui de profiter de l'occasion pour

prendre beaucoup en laissant prendre également aux autres, ou celui de se prêter aux circonstances et de se contenter du peu: à condition que les autres agissent de même. Aus einer Denkschrift.

preussischen Staatsmänner hatten aus ihren Ansichten, dass eine Auftheilung Deutschlands am erspriesslichsten wäre, nie ein Hehl gemacht. Sodann waren Württemberg und Baden, von Russland begünstigt, zu berücksichtigen, dessen Zustimmung und Unterstützung durch grosse Entschädigungsobjecte für die Günstlinge erkauft werden musste. Eine vollständige Umgestaltung Deutschlands war natürlich die unmittelbare Folge derartigen Vorgehens, da die geistlichen Güter zur Befriedigung aller Ansprüche nicht hinreichten. Anders gestaltete sich die Sache, wenn Oesterreich sich strenge an den Wortlaut des Vertrages hielt und eine Verständigung mit den hervorragendsten Mächten über die zu beobachtenden Grundsätze erzielt wurde. Vornehmlich kamen hierbei Preussen und Russland in Betracht, denn von Frankreich nahm man an, dass es an den Reichsangelegenheiten eigentlich nur geringen Antheil nehmen werde.

Die Berichte Ludwig Cobenzls, der sich von Luneville nach Paris begeben hatte, erweckten jedoch zeitweilig in Wien die Hoffnung, dass es möglich sein dürfte, durch eine Verständigung mit Frankreich rascher ans Ziel zu kommen, während die Unterhandlungen mit Russland und Preussen die Erledigung der ganzen Angelegenheit nicht so schnell erwarten liessen. Noch waren die abgebrochenen diplomatischen Beziehungen mit dem Petersburger Hofe nicht hergestellt und auf Berlin setzte man gar kein Vertrauen. Dazu kam, dass Napoleon in einem Gespräche hingeworfen hatte: dass die weitere Entschädigung für den Grossherzog von Toscana, da Salzburg nicht ausreiche, an der Grenze Oesterreichs gefunden werden müsse. Ein alter Lieblingswunsch Oesterreichs wäre dadurch erfüllt worden. Cobenzl erhielt die Weisung sich in Unterhandlungen einzulassen, die einzelnen Punkte mit den massgebenden Persönlichkeiten zu durchsprechen und, ohne abzuschliessen, alle etwaigen Anträge zur Berichterstattung zu übernehmen. Nur die Bedingung stellte man, dass Frankreich zur Uebernahme der Garantie der etwaigen Abmachungen sich verpflichte. Man wünschte nicht, den Kurfürsten von Baiern zu verkürzen, sondern ihm eine volle Entschädigung zukommen

1 Beruht auf einer österreichischen Denkschrift dieser Tage. (Staatsarchiv

in Wien.)

zu lassen, ja man war sogar bereit, die österreichisch-schwäbischen Besitzungen zu diesem Behufe zu verwenden. Preussen sollte ein seinen Verlusten gleichkommender Ersatz geboten werden. Und um ein allzustarkes Anschwellen des Nachbarstaates zu vermeiden, zeigte man sich entschlossen, die Forderungen für den Grossherzog herabzumindern, sich auch, wenn die Ansprüche Preussens ein bescheidenes Mass nicht überschritten, entgegenkommend zu erweisen, um eine Verwicklung zu vermeiden und rasch zum Abschlusse zu kommen.'

Als diese Weisungen in Paris anlangten, stand ein neues Project auf der Tagesordnung: die Belassung des Grossherzog's in Italien. Zwischen Josef und Cobenzl einerseits, sowie zwischen diesem und dem russischen Botschafter wurde darüber lebhaft verhandelt.

Die Rücksichtnahme auf Preussen fiel sodann hinweg, und man mochte hoffen, dass es gelingen dürfte, das deutsche Reich vor einschneidenden Aenderungen zu bewahren, die jedenfalls, schon im Hinblicke auf die Vergrösserung des Nachbarstaates, nicht zum Vortheile Oesterreichs ausfallen konnten; denn der Gedanke, dass Preussen eine zu grosse Entschädigung davontragen könnte, berührte die österreichischen Staatsmänner unangenehm; ihrer Ansicht nach sollte es gerade

so viel erhalten, als es auf dem rechten Rheinufer eingebüsst. Die Bildung grösserer Staatengebilde in Deutschland sollte so viel möglich verhindert werden, die geistlichen Gebiete und die Verfassung des deutschen Reiches intact bleiben.

Auch diese Modalität zerfloss bald in Nichts. Die Zuweisung italienischen Gebietes an den Grossherzog von Toscana, sei es auf Kosten der italienischen Republik oder durch Uebergabe der Legationen, lehnte Napoleon rundweg ab. Die Gründung eines republicanischen Staatswesens sei durch französisches Blut theuer genug erkauft worden, die Legationen würden Oesterreich einen Einfluss in Rom und Neapel sichern, lautete seine Antwort, und alle Gründe des Grafen Cobenzl vermochten nicht ihn anderen Sinnes zu machen. Er tadelte seinen Bruder Josef, der die Belassung des Grossherzogs von Toscana in Italien nicht als unmöglich hingestellt hatte; ausser im Falle eines glücklichen Krieges werde Oesterreich die Etsch nicht über

nur

1 31. März 1801 an L. Cobenzl.

schreiten, fügte er bestimmt hinzu, und als Cobenzl auf Erfüllung des Tractates drang und dem Wortlaute gemäss eine volle Entschädigung heischte, deren Ausmittlung Sache Frankreichs sei, machte der erste Consul eine Bemerkung, die deutlich zeigte, welch' geringe Sorge ihm diese Verpflichtung eigentlich machte. Indessen rückte bald darauf Josef mit einem neuen Projecte heraus. Der Grossherzog sollte ausser Salzburg und Berchtesgaden, Passau, Trient und einen kleinen Theil Baierns erhalten, wofür dem Kurfürsten eine Entschädigung in Schwaben auszumitteln wäre; dem Kurfürsten von Mainz solle Bamberg und Würzburg zugewiesen werden, während das kurfürstliche Mainzer Gebiet am rechten Ufer unter weltliche Fürsten aufzutheilen sei; Kölns Entschädigung in Westphalen, Auflassung Triers, endlich die Ueberlassung Hannovers an Preussen, sowie die Erhebung Salzburgs zum Kurfürstenthume bildeten die weiteren Punkte des neuen Projectes. 2 Cobenzl bemühte sich Punkt für Punkt zu widerlegen, schon die Benützung Trients als Entschädigungsobject forderte seinen Widerspruch heraus, indem dies Bisthum eigentlich zu Oesterreich gehöre, dem man doch nicht zumuthen könne, darauf Verzicht zu leisten. Einige Tage später wurde ein neuer Plan von dem ersten Copsul aufgetischt. Oesterreich solle das venetianische Gebiet bis zur Etsch an den Grossherzog von Toscana abtreten, Istrien und Dalmatien behalten, Salzburg, Berchtesgaden, Passau und einen Theil Baierns bekommen. Jeder Stein des Anstosses würde auf diese Weise für die Dauer zwischen Frankreich und Oesterreich, deren Gegnerschaft nur in den italienischen Verhältnissen wurzle, beseitigt; die deutschen Angelegenheiten werden nie eine Entzweiung hervorrufen; Frankreich denke nicht daran, am rechten Rheinufer Eroberungen zu machen, welche Gestalt die Dinge in Deutschland annehmen, sei ihm eigentlich gleichgültig. Jedoch müsse es Oesterreich überlassen bleiben, die Einwilligung des Kurfürsten von Baiern zu erlangen,

ne

1 Oh, sagte Napoleon, plein et entier cela se met toujours dans un traité,

mais à moins de renverser l'Allemagne et de vous faire de nouveaux ennemis, vous pourrez pas avoir au-delà de Salzbourg. Cobenzl vom 19. April 1801. Die Aeusserung Napoleons in einem Gespräche

am 14. April. 2 Nach handschriftlichen Aufzeichnungen Josef Bonaparte's, dem Berichte

Cobenzls vom 8. Mai beiliegend. Die Unterredung fand am 6. Mai statt. Archiv. Bd. LII. II. Hälfte.

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auf die Unterstützung Frankreichs könne es rechnen. Eile thue Noth, jede Zögerung könne neue Schwierigkeiten erzeugen. Die Verständigung scheiterte an einem essentiellen Punkte: an der Weigerung Frankreichs, die Garantie für die Durchführung zu übernehmen. Oesterreich, hiess es, müsse selbst zusehen, was Preussen und Russland dazu sagen würden, Frankreich habe nicht einen Krieg beendet, um einen neuen zu beginnen. Cobenzl befürwortete die Schöpfung eines intermediären Staates in Italien für den Grossherzog. Nie werde er Toscana rückgeben, erwiderte Napoleon, dies hiesse Livorno den Engländern überliefern, während diese aus dem Mittelmeere vertrieben werden müssen; Cobenzl fordert die Legationen; auch dies weist Napoleon als undurchführbar zurück, die Einräumung derselben nähere Oesterreich an Rom und Neapel; nie werde er eine Ueberschreitung der Etsch zulassen, wiederholte er. 1

Auch anderweitig zeigten sich Schwierigkeiten, die man jedoch kurzweg beseitigte. Der Herzog von Modena war mit dem ihm zugewiesenen Antheile im Breisgau nicht zufrieden, in einem ausführlichen Memoire legte er dem Kaiser die Gründe dar, und bestritt namentlich die ihm auferlegte Verpflichtung zur Erhaltung des Militärs, wodurch ihm grosse Lasten auferlegt würden. Aus dem ganzen Schriftstücke leuchtete das unverkennbare Streben hervor, auch noch den Rest der österreichischen Vorlande, die ein jährliches Erträgniss von 200.000 Gulden abwarfen, zu erlangen. Aber man wollte diese Summe nicht missen, sondern sah auch dieses Gebiet als ein geeignetes Object an, welches durch Austausch nützlich werden könnte. Der Kaiser ertheilte dem Herzoge die Antwort, dass er sich strenge an den Wortlaut des Luneviller Vertrages halten werde, wolle sich der Herzog nicht fügen, so habe er sich selbst die Folgen zuzuschreiben.2

Hätte man sich damals entschliessen können, den Anträgen des ersten Consuls beizustimmen, so würde man vielleicht zu einem Abschlusse gekommen sein. Aber in Wien war nicht die geringste Neigung vorhanden, die bisherige Politik, welche zunächst auf Erwerbung von Land und Leuten in Italien gerichtet war, über Bord zu werfen. Im Gegentheil. Gerade

1 Cobenzl vom 19. Mai 1801. 2 Vortrag vom 21. Mai 1801.

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