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zog von Ismail nach Babadagh und zersprengte eine zahlreiche Türkische Kriegerschaar. Aber schon zogen größere Streitkräfte heran, an ihrer Spize Jussuf Pascha, der neue Großwesir, der Besieger der Oestreicher bei Lugosch, der Verwüster des Banats, mit Türkischem Hochmuth und Unvernunft. Schon war er mit Heeresmacht bei Hirsowa angekommen und hatte den Seraskier von Rumelien mit mehr wie 70,000 M. vor sich hergesandt gegen Matschin, um nächstens über die Donau zu sehen und auch den Russen ein Lugosch zu bereiten. Noch vergeudete Potemkin die Feldherrnzeit in Petersburg mit Festen oder politischen Umtrieben zum Sturze seiner Gegner. Fürst Repnin befehligte statt seiner, und als erfahrner Feldherr die beste Kriegsweise gegen die Türken kennend, beschloß er ihnen rasch entgegenzuziehen und mit dem Angriff zuvorzukommen. So ging alles schnell und kräftig von statten, sobald die Feldherrn, von Potemkin's lähmender Anwesenheit befreit, nach eigenem Ermessen handeln konnten. Doch der Sieger mußte seines Zorns und seiner Eifersucht gewärtig sein.

Am 26. Juni

7. Juli

Das Glück krönte Repnin's Entschluß. sezte er bei Galaz über die Donau und zog in vier Kolonnen auf Matschin, einen kleinen Ort, Braila faft gegenüber. Den rechten Flügel und die Mitte befehligten die Fürsten Galizün und Wolchonskij; den linken sollte Kutusow von Ismail her über die Berge den Türken in die rechte Flanke führen; eine gefahrvolle Bewegung, nur gegen Türken anwendbar, die günstige Umstände nie zu benugen wissen: sie hätten ihn, den eine Bergkette vom Hauptkorps schied, vereinzelt aufreiben können; dachten

28. Juni
9. Juli

jedoch nicht eher ihn anzugreifen, als bis er schon von den Höhen in ihre Flanke herabstieg. Nach dem Vorgang Suworows am Rymnik, der, obzwar abwesend, doch in allen Gemüthern lebte und geistig die Feldherrn inspirirte, theilte man das Heer in kleine Vierecke von ein oder zwei Bataillonen, die in Schachbretform, die Reiterei hinter sich, zum Kampfe vorrückten. Am kam es bei Matschin zur Schlacht, und obwohl die Türken anfangs tapfer stritten, aber nach ihrer Weise, ohne genauern Halt und Zusammenhang, so unterlagen sie doch zulezt der siegesstolzen Zuversicht der Ruffen. Zwar seßte ein Türkischer Haufe von 9000 Mann bei Braila über die Donau, im Rücken der Russen; ein anderer mächtiger Türkenhaufe stürzte auf den herabsteigenden Kutusow und umschwärmte ihn ringsum; auch im Centrum, auf dem rechten Flügel ward viel und vielfach gestritten. Der Schluß aber war der gewöhnliche; da sie die vorrückenden Vierecke der Ruffen nicht brechen konnten, viel von deren Feuer litten, so kehrten sie zulegt um, und gingen eben so schnell davon als sie gekommen waren, ihr Lager und 35 Stück Geschüß Preis gebend und an 4000 Todte auf der Wahlstatt hinterlassend. Verfolgung war, nach der Lage der Dinge, unstatthaft; und Repnin, nachdem er drei Tage zur Wahrung der Siegesehre auf dem Kampfplag geblieben, kehrte über die Donau zurück. Nicht Jussuf, nur sein Unterfeldherr war bestegt, nur ein Theil des Heeres, Zeichen Türkischer Thorheit, die sich immer theilweise schlagen läßt, weil nichts bei ihnen zusammengreift und alle geistige Einheit mangelt. Juffuf eilte

3. Juli

unmuthsvoll herbei; bald stand er mit 120,000 Streitern abermals bei Matschin, wahrscheinlich zu neuer Niederlage, wenn es zu einem Kampf gekommen wäre. Doch unerwartet kam ein Tartar aus Konstantinopel angejagt und überbrachte Juffuf den Befehl, auf jede Bedingung Frieden zu schließen. Wunderbarer Uebergang von Stolz zur Verzagtheit, der nicht so sehr durch den Kampf bei Matschin als durch die fast gleichzeitige blutige Erstürmung von Anapa erzeugt ward, wo Gudowitsch, sich gleichfalls genau an Suworow's Sturmordnung bei Ismail haltend, am 22. Juni die Festung erstieg, mehr wie 8000 Türken tödtete, 6000 gefangen nahm und Schrecken bis tief nach Asien verbreitete. Die hohe Pforte erbebte in ihren Grundfesten und Sultan Selim überzeugte sich, daß er Gegner wie diese nie überwinden werde. Jene Ruffenheere waren aber auch echte Römerheere, gleich hart, rauh, unverzagt und siegessicher; Rumänzow, Weismann, Repnin, Suworow hatten ihren ganzen kriegerischen Geist ihnen eingehaucht. Die gemeinen Krieger, meist echte Kernrussen von eisernem Körper, die Offiziere reich versezt mit trefflichen Genossen aus den Ostseeprovinzen, hart wie ihr Klima, erfahren und gebildet durch vielfachen Krieg und damalige Kriegsweisheit. Die Soldaten willig, gehorsam, zu allen bereit; im Lager Lämmer, in der Schlacht Löwen; aber auch, einmal losgelassen, grimmig wie die Löwen. Was dem Römer sein kurzes Schwert, das war ihnen ihr Bajonnet; weh dem Gegner, der den festen Stoß, vom kräftigen Arm geführt, erwartete. Weismann Suworow hatten ihnen unaufhörlich vorgepredigt, fie

seien unüberwindlich. Sie hielten sich dafür und waren es; die Siegeszuversicht gab den Sieg, weil, wer entschlossen ist, nicht zu weichen, den Gegner überwindet oder stirbt. Aber hat der Gegner sich einmal davon überzeugt, so entfällt ihm bald der Muth, und er weicht, wenn er nicht durch Uebermacht erdrücken kann. So bringt die Selbst-Aufopferung eines kleinen tapfern Häufleins auch für die Folgezeit ihre Früchte, und der Feind, der einmal mit Leonidas - Spartanern, Cäsars zehnter Legion, Suworow's Wunderhelden", und Napoleon's alten Garden zu thun gehabt, behält den Eindruck ihrer Unwiderstehlichkeit tief eingeprägt, und scheuet vor Kampfriesen dieser Art zurück. So entstehen die kriegerischen Erinnerungen, Traditionen eines Volks, die lang und gewaltig den Muth seiner Streiter aufrecht halten. Unvorhergesehene Unfälle können ein Volk augenblicklich niederdrücken, doch, wenn es solche Erinnerungen hat, behält es immer jene Spannkraft, die zu neuen Thaten Antrieb und Schwung gibt.

"I

Jussuf, der Großwesir, erhielt von seinem gebeugten Herrn Befehl, Frieden zu schließen. Aber wie die Einleitungen dazu machen, ohne dem Osmanischen, noch so hoch fliegenden Stolze etwas zu vergeben? Er half sich nach seiner Weise und schickte dem Fürsten Repnin eine Botschaft, die den eigenen Wunsch dem Gegner in den Mund legte: „Es sei dem Padischah zu Ohren gekommen, wie die Russen gern Frieden haben möchten und um einen solchen bäten." —— Repnin, dem die Türkische Weise nicht fremd war, antwortete ruhig: „Rußlands Bedingungen seien vor aller Welt dargelegt, nähmen die

31. Juli
11. Aug.,

Türken sie an, so stände dem Frieden nichts im Wege." Somit war die Einleitung gemacht. Türkische Abgeordnete erschienen in Galah, und gegen alle Erwartung ward man sehr schnell einig. Am wenige Tage nach Eröffnung der Unterhandlung, wurden die Präliminar - Artikel beiderseitig unterzeichnet, nach denen der Großsultan den Russen, ihrer Forderung gemäß, den Dniestr als Gränze zugestand. Was die Nachgiebigkeit der Türken vornämlich beförderte, war ein Seefieg, den Admiral Uschakow wenige Tage zuvor am Eingang des Bosporus über die doppelt stärkere Türkische Flotte davon getragen, nur 60 Werst von Konstantinopel, das den rollenden Kriegsdonner deutlich vernehmen konnte. Unlängst noch die billigsten Vorschläge stolz abweisend, konnte der Muselmännische Hochmuth jezt den Abschluß der Unterhandlungen kaum erwarten, nach der Art roher Völker und Gemüther, die, vom augenblicklichen Eindruck stets beherrscht, im Glück dem Uebermuth, im Unglück der Verzagtheit keine Gränze wissen. Wie in Konstantinopel Niedergeschlagenheit, erweckten jene Nachrichten in Petersburg Siegesstolz und Freude. Durch die Thaten ihrer Heere gehoben, hatte die Kaiserin mit überschwellender Hoffnung schon nach dem Matschiner Sieg an den neuen Englischen Gesandten Lord Whitworth die ironischen Worte gerichtet: „Ihre Minister wollen mich aus Petersburg vertreiben, nun, so werden sie mir erlauben, mich in Konstantinopel niederzulassen." — Und die Siege ihrer Truppen gaben ihren Worten Gewicht.

Nur Ein Mann in Petersburg war bei diesen frohen Siegesnachrichten unzufrieden und voll Unmuth

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